Zum Glück hatte Marilyn kein Internet.

Schrieb ich neulich noch, dass mein Alter für mich selten ein Thema ist, weil ich schlichtweg nicht ständig darüber nachdenke, muss ich das nun ein wenig korrigieren. Fühle mich nämlich gelegentlich doch wie ein aus der Zeit gefallenes Fossil. Alle, die keinen Bock auf Text haben, folgen jetzt einfach mal diesem Link, der wunderbar die heutige Art der Selbstdarstellung aufs Korn nimmt: Schatz ich hab ein Bild von deiner Oma gefunden – 2016 u. 2090. Der Rest kann weiterlesen. Ich bewundere Audrey Hepburn, Grace Kelly oder Jane Russell und ich liebe Marilyn Monroe. Ich möchte nun nicht zum platinblonden Männertraum werden, aber Marilyn inspiriert mich aus verschiedenen Gründen in vielerlei Hinsicht.

Stellt sich die Frage: Würde ich Marilyn auch bewundern, wenn sie mich auf Instagram, Snapchat, youtube und auf ihrem Blog an ihrem Leben hätte teilhaben lassen? Morgens ein #nomakeup-Schmollmund, dann ein #healthybreakfast. Im Lauf des Tages ein paar #fromwhereistand-Posts mit Blick hinter die Kulissen und ein paar #meandmyfriends-Bildchen mit den berühmten Kollegen. Auch immer  mit dabei: das #yummy #healthyfood vom #lunch und abends natürlich ein vermutlich etwas alkohollastiges #Duckface und das #cozy-Gedöns auf Satin. Dazu gäbe es intime Details, gerne auch mit entsprechenden Bildern garniert, denn Marilyn hätte viel zu erzählen gehabt. Und viel zu zeigen. Selbstverständlich hätte sie auch den einen oder anderen Seelenstriptease hingelegt, denn die seelenkatergebeutelte Marilyn hätte vermutlich und verständlicherweise auch immer mal wieder ihre traumatische Pflegefamilien-Vergangenheit thematisiert. Oder darüber sinniert, wie frustrierend es für sie war, permanent das „blonde Dummchen“ geben zu müssen, weil das nun mal der Kunstfigur entsprach, die sich so gut verkaufte. Vielleicht hätte Marilyn uns zwischendurch auch immer mal wieder ein paar Produkte ans Herz gelegt, etwa #chanelno5, ihre neuen #valentinoshoes oder ihre eigene Schmuckkollektion.

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5 Dinge, die ich als introvertierter Mensch nicht mehr hören möchte.

Ich schreibe selten über meine Introversion, weil ich keinen Sinn darin sehe, das groß zu thematisieren – die Welt wird sich für mich nicht ändern, also muss ich mich irgendwie mit mir arrangieren. Und wenn ich schon darüber schreibe, würde ich ja lieber was sagen à la: Nimm dich so an, wie du bist – du bist absolut in Ordnung so, weil es nun mal introvertierte und extrovertierte (extravertierte) Menschen gibt.

Aber kann man das überhaupt guten Gewissens einfach so schreiben? Das Problem ist ja, dass es keine zweite Chance für den ersten Eindruck gibt. Und dass wir es mittlerweile perfektioniert haben, alles schnell zu scannen und infolgedessen zu entscheiden, wem oder was wir noch mehr Aufmerksamkeit schenken. Doch was mache ich als introvertierter Mensch, wenn ich die Chance habe, einen ersten Eindruck zu hinterlassen? Ich halte mich – wie üblich in ungewohnten Situationen – immer im Hintergrund und schaue mir die Sache erstmal an, gerne auch ein bisschen länger und manchmal eventuell zu lange. Das hinterlässt welchen Eindruck? Im besten Fall gar keinen. Im schlimmsten Fall werde ich irgendwo in die Schuladen „langweilig“ bis „desinteressiert“ oder sehr oft in die Schublade „arrogant“ gepackt. Und ist die Schublade erstmal zu, ist es verdammt schwer, da wieder rauszukommen. Also hadere ich ein wenig mit meiner Introversion und das liegt nicht an der Introversion selbst, sondern daran, dass ich mich in einer extrovertierten Welt behaupten soll. Ebenso gut könnte man sich einen Fisch schnappen und ihm sagen: „Du wohnst ab sofort in dieser Hütte am Strand und wage es ja nicht, hier rumzuzicken und dich blöd anzustellen – es liegt lediglich an dir, was du daraus machst.“ Ja. Natürlich. Und im Himmel ist Jahrmarkt und wenn das Pferd sich nur ein bisschen mehr Mühe gibt, dann können wir demnächst  die Bäume hochreiten. Aber manchmal … also hin und wieder … an einem schlechten Tag, der unter der unheilvollen „Vollmond trifft auf PMS“-Kombination steht, da platzt mir der Kragen. Weil mir mal wieder jemand in mich reinredet, der überhaupt keine Ahnung davon hat, wie introvertierte Menschen ticken…

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Meine Seele hat ein Sparkonto.

Habt ihr manchmal das Gefühl, dass euch alles zu viel wird und dass die nächste Aufgabe – möge sie auch noch so winzig sein – euer Kartenhaus zusammenstürzen lassen könnte? Nein? Dann gratuliere ich euch von Herzen. Klickt ausnahmsweise mal weiter, dieser Text ist nichts für euch. 😉

Und wie sieht’s mit dem Rest von euch aus? Engagiert ihr euch für irgendwas? Vielleicht für die Umwelt, artgerechte Tierhaltung, Kaffeebauern in Lateinamerika oder eure Gemeinde? Und setzt ihr euch in ähnlichem Maß für euch selbst ein und gönnt euch hin und wieder was Gutes?  Ich rede von diesen typischen Belohnungen, die uns am Laufen halten. Wie die aussehen, wissen wir ja, weil uns  oft genug vorgebetet wird. Ihr könnt…

  • ein Bad nehmen (am besten die Kerzenlicht-Rosenblatt-Nummer und das Buch nicht vergessen!),
  • euch einen Wellnesstag in einem luxuriösen Spa gönnen,
  • neue Unterwäsche (nee, keine Feinripp-Slips) kaufen,
  • oder gleich einen ganzen Shoppingmarathon absolvieren
  • und zum Schluss beim Lieblingsitaliener aufschlagen.

Kurz: Je mehr die Kreditkarte glüht, desto besser. Richtig? Denkste. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich als kleines Konsummonster das jemals schreiben würde, zumal ich selbst lange Zeit die „Kauf dich glücklich“-Strategie verfolgt habe. Allerdings musste ich irgendwann einsehen, dass das so nicht funktioniert. Bei mir. Oder nur kurzfristig. Weil es eben nur in hübsche Tüten gepackte Trostpflaster sind – allerdings sehr niedliche mit Blümchen und Comicfiguren, denen man nur schwer widerstehen kann. Problem erkannt und behoben? Wäre zu einfach. Ich wusste zwar, was nicht hilft, aber was hilft, wusste ich eben auch nicht.

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Bin dann mal weg. Meine Vergangenheit umschreiben.

Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen, wie viele Psychoratgeber ich im Lauf meines Lebens gelesen habe, weil ich die Dinge ja unbedingt selbst lösen möchte. Vor allem die unlösbaren, alles andere wäre zu einfach. Nun erwischte mich neulich in einer seelisch eher instabilen Phase [Überraschung, ich bin nicht immer gut drauf, sondern ziehe mir an manchen Tagen auch einfach mal die Decke über den Kopf und lese von morgens bis abends Harry Potter] eine Passage in einem Buch, die mich sprachlos machte. Da wurde tatsächlich angeraten, das eigene Leben doch mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten! Einfach so! Weil man die Dinge immer anders betrachten kann, wenn man das möchte.

Erste Reaktion meinerseits: Ein rechtschaffen empörtes „Hallo?! Tickst du noch ganz richtig?! Du hast leicht reden. Du hast ja wohl überhaupt keine Ahnung von meinem Leben!“ Dann krabbelte ich aus meinem Loch und sah durchaus ein, dass in der Idee mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt. Denn wenn Woody Allen, Polanski, Tarantino oder das Team vom ZDF-Sonntagabendfilm ein vorgegebenes Thema umsetzen würden, kämen mit Sicherheit gänzlich andere Filme raus. Und hätte man Walt Disney, Picasso oder Warhol aufgefordert, eine Maus zu zeichnen, gäbe es wohl auch drei sehr verschiedene Mäusevariationen.

Alles nur eine Frage der Sichtweise? Fragen wir mal Diane, Jackie und Marilyn…

Plötzlich kam mir das in den Sinn, was ich in der Biografie „Die Frau, die ich sein wollte“ von Diane von Fürstenberg gelesen hatte, als sie über ihre Kindheit und ihre Mutter schrieb:

„Wenn ich etwas sagte, das nicht ihre Zustimmung fand oder nicht ihren Erwartungen entsprach, sah sie mich finster an oder kniff mich. Ich musste mich dann mit dem Gesicht zur Wand in die Ecke stellen. Manchmal ging ich alleine in die Ecke, weil ich wusste, dass ich etwas Unrechtes getan hatte.“ [1]

Auch sonst scheint Mutter von Fürstenberg ein Vorläufer der „Tigermom“ gewesen zu sein. Diane musste, noch ehe sie lesen konnte, die Fabeln von La Fontaine aus dem 17. Jahrhundert auswendig lernen und aufzusagen. Und kaum, dass sie schreiben gelernt hatte, orthografisch und grammatikalisch korrekte Briefe verfassen. Zum Austreiben der Schüchternheit wurde Diane bei jeder Familienfeier gezwungen, eine Rede zu halten. Und die Furcht vor der Dunkelheit trieb „Tigermom“ ihrem Sprössling aus, indem sie Diane in die dunkle Abstellkammer sperrte und vor der Tür wartete – damit ihre Tochter lernen konnte, dass es dort nichts gab, wovor sie sich hätte fürchten müssen. Das musste ich erstmal sacken lassen und ich weiß nicht, wie viele Blogs ich hätte schreiben müssen, um das zu verarbeiten, was da für von Fürstenberg an der Tagesordnung war. Doch was sagt die Modeschöpferin über ihre Mutter?

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Leben| Über das Bewahren der alltäglichen Leichtigkeit

aIch weiß nicht mehr, wann es anfing. Aber seit einigen Jahren denke ich beim Anschauen der Nachrichten oder beim Überfliegen der Zeitung regelmäßig: „In was für einer kranken Welt leben wir eigentlich?“ Ich denke das, wenn mir mal wieder bewusst wird, dass wir uns so benehmen, als wären wir die „Wanderheuschrecken“ aus Independence Day. Wir lassen es zu, dass Regenwälder gerodet werden, damit man uns „billiges“ Palmöl in Pizza, Creme und Lippenstifte manscht. Oder dass übermüdete und unter“bezahlte“ Näherinnen, die unsere Klamotten fertigen, von Fabriktrümmern begraben werden. Dass Menschen verdursten, weil sie keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Und Kinder auf der Suche nach einem sicheren Ort im Mittelmeer ertrinken. Oder dass irgendwo auf dieser Welt Menschen gequält und vertrieben werden, weil es irgendwem in den Kram passt, während wir uns zurücklehnen, weil es ja sooo weit weg ist und uns nicht betrifft. Bis es uns dann eben doch betrifft.

Ich darf erst glücklich sein, wenn alles perfekt ist…

Die Masse an üblen Nachrichten, die täglich  auf einen einprasselt,  bleibt natürlich nicht folgenlos. Und so habe ich mir eine Zeit lang eingeredet, dass ich erst dann glücklich sein darf, wenn alles gut ist. Und mit alles ich meine alles: mein Leben, das Leben derjenigen, die ich mag und das Leben derjenigen, denen man Nachrichten und anschließende Brennpunkte widmet. Irgendwann  ging mir das Licht auf, dass ich da ziemlich lange warten kann. Weil ja immer irgendwas ist. Bei irgendwem und irgendwo. Da wurde ich zickig, missgünstig und ein bisschen unleidlich. Und unglücklich sowieso – weil ich ja nicht glücklich sein durfte oder konnte, wenn es irgendwem auf dieser Welt schlecht geht.

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