Ich detoxe, also bin ich?

Es kommt, wie es am Jahresanfang immer kommt: Reader und Newsfeed spucken im Sekundentakt Posts der Kategorie „Werde leichter als eine Feder und lasse alles los, was dich beschwert – also Krempel, Seelenballast, Darminhalt“ aus und das stresst mich. Weil ich derzeit lieber horten möchte – vor allem Bücher und Kalorien. Gestern gab es hinsichtlich der Kalorien einen Tiefpunkt, für den ich nichts kann, weil ich Opfer meiner Hormone war und bin und immer sein werde. [Randnotiz: Ja, das ist so und nein, das ist nicht immer nur eine blöde Ausrede. Es gibt einfach Tage, an denen es absolut unbefriedigend ist, nur an einem Möhrchen zu knabbern und morgens warmes Ingwerwasser zu süffeln. Bei mir sind das an die 365 Tage im Jahr – das allerdings ist in der Tat eine blöde Ausrede, könnte schließlich auch Sellerie knabbern und warmes Zitronenwasser trinken.]

Dabei fing es so gut an, denn gestern Morgen war ich noch extrem guter Dinge, sehr Detox-willig und nach einer leichten Frühstücks-Obstschale schwer im „Ich bin eine Feder, yeah!“-Modus. Angefixt durch diverse „Detox your life“-Posts habe ich meinen November-Vorsatz aus dem alten Jahr ins neue Jahr gezerrt und reanimiert. Idee: Ein bisschen an der Ernährungsschraube drehen und nen Tick basischer essen. Unter uns: Basisch essen klingt doch sehr viel besser und deutlich undogmatischer als vegan inspiriert, oder? Es ist nämlich so, dass ich einfach nur essen will – und nicht darüber diskutieren. Doch während vegan für Schnitzelliebhaber und Wurstersatzhasser irgendwas zwischen rotem Tuch, Ohrfeige und persönlicher Beleidigung ist, ist basisch die unsichtbare Eisenfaust im hübsch verzierten Samthandschuh. Weil nur wenige wissen, was es bedeutet.

„Ich detoxe, also bin ich?“ weiterlesen

Magic Goals für Spatzenmenschen.

Überraschung: 2017 steht vor der Tür! Das weiß ich sehr genau, weil ich Menschen folge, die sich Organisation und Life-Coaching auf die Fahnen geschrieben haben und weil ich darüber hinaus auf Facebook einige Male zu oft entsprechende Posts gelikt habe, so dass mir nun ständig Blogeinträge oder Werbeeinblendungen für Kalender, Organizer oder „Plane dein neues (bestes) Jahr und dein Leben“-Workbooks und ähnliches um die Ohren fliegen. Nebenbei bemerkt sind diese Werbeeinblendungen gut. Passgenau. So passgenau, dass ich gar nicht wissen will, was FB noch über mich weiß, aber das ist jetzt nicht das Thema. Nach zwei Werbeinblendungen war mir klar: ich brauche einen Organizer. Nach einem Dutzend Werbeeinblendungen und dem Konsum meiner favorisierten Blogs umd Instagramaccounts wusste ich: einer reicht nicht, ich brauche zwei Organizer. Mindestens. Am liebsten sogar für jeden Lebensbereich einen, andererseits hätte ich dann zu viel Organizer für zu wenig noch zur Verfügung stehende Zeit. Auch blöd.

Außerdem brauche ich Ziele! Viele Ziele! Warum? Weil ich es nötig habe und weil ich nie wieder in einem Workbook schon auf den ersten Seiten ins Straucheln geraten möchte. Nämlich bei den Fragen, wie die bisherigen Ziele aussahen und was ich gerne sonst noch in 2016 erreicht hätte. Nachdem sich diese Fragen einige Tage fröhlich in mein Hirn frästen, wurde mir nämlich klar, dass ich keine konkreten Ziele hatte – nur Wünsche. Und dass diese Wünsche im Sinne der persönlichen Weiterentwicklung nichts taugen. Gar nichts. Ich bin da einfach zu schlicht gestrickt und das fängt schon damit an, dass mich die Tatsache nervt, dass Ziele heute nicht mehr Ziele heißen. Sondern Magic Goals. Klar, das klingt gehaltvoller und nach mehr Sternenstaub und Feenglitzer.

„Magic Goals für Spatzenmenschen.“ weiterlesen

Chakka, ich bin ein Einhorn!

Mit all der Konsequenz, die ein inkonsequenter Mensch besitzt, habe ich vor einiger Zeit den Frauenzeitschriften abgeschworen [Rückfälle bisher: drei, allerdings habe ich online drei Ausgaben der emotion gekauft, das zählt eigentlich anders]. Seither lese ich meine Bücherregale leer und schränke parallel dazu meinen Social-Media-Konsum erheblich ein und das ist auch besser so, denn sobald ich meine zwischen die Buchdeckel gepresste Welt verlasse, bekomme ich die Krise. Offenbar schlägt die Welt, die wir uns selbst geschaffen haben, mittlerweile vielen von uns so dermaßen aufs Gemüt, dass es an jeder Ecke Lebensweisheiten to go gibt.

Im Supermarkt leuchtet es auf dem knalloragenfarbenen Cosmopolitan-Cover: „Aufregend anders. Was unperfekte Frauen so unwiderstehlich macht.“ Und daneben rotzt die emotion: „Wir sind unperfekt – na und?“ Stellt sich mir allerdings die Frage: Wie unperfekt ist denn unperfekt… für die Cosmopolitan und die emotion? Vermutlich rangiert das bei denen eher in der Kategorie „Julia Roberts oder Megan Fox zeigen sich ungeschminkt auf Instagram!“ … woohoo… so was von unperfekt aber auch. Da kann ich doch gleich mal entspannt durchatmen. Online schießen ebenfalls überall kleine Motivationsgurus aus dem Boden, die uns für umme erklären, wie der Hase läuft. Vor allem der „Chakka, you go girl!“-Bereich ist überrepräsentiert und ich vermute, dass fleißige Heinzelmännchen über Nacht sämtliche Lebenshilferatgeber durch den Fleischwolf gedreht und die Häppchen anschließend feinsäuberlich eingescannt haben, so dass nun die mehr oder weniger verhackstückten Weisheiten fröhlich durchs Netz poltern, um in diversen Onlinemagazinen und sozialen Netzwerken wieder aufzuploppen. Dort werden sie dann wiedergekäut und wiedergekäut und wiedergekäut, immer schön gemäß dem Motto: A Sprüchlein a day keeps the Stimmungstief away – und nun krieg deinen Arsch hoch, du Schluffi und mach dir ja keinen Stress, während du die Weltherrschaft anpeilst, darunter läuft’s nicht.

„Chakka, ich bin ein Einhorn!“ weiterlesen