(K)ein Ü40-Blog.

#kannSpurenvonIronieenthalten

#mussaber nicht

Wer „erfolgeich bloggen will“, tut ja gut daran, seine Zielgruppe genau zu definieren. Und wer, so wie ich mit BJ 72, Ü40 ist und sich – welch außergewöhnliche Idee! – durch den Lifestylebereich bloggt, tut noch besser daran, sich klar als Ü40-Bloggerin zu positionieren. Blöd. Denn ich bin ja gar keine echte Ü40-Bloggerin. Was logischerweise nicht am Alter liegt. Grund ist eher dieses besondere Etwas, das Frauen dieses Alters nachgesagt wird. Sie sind nämlich eine Mutation aus Lara Croft und Chuck Norris:

  • Sie sind „echte“ Frauen und keine… äh… falschen?
  •  Sie suchen ihren Stil nicht mehr – sie sind selbst Stilikonen.
  • Sie suchen überhaupt nichts mehr – sie haben gefunden. Alles. Und noch ein bisschen mehr.
  •  Sie brauchen keine Ratgeber – sie schreiben selbst welche.
  • Sie stellen keine Fragen – sie haben Antworten. Vor allem darauf, was „die Jüngeren“ besser oder anders machen sollten.
  • Sie zweifeln nicht – weder an sich noch an ihrem Weg. Und sollten sie versehentlich doch mal zweifeln, dann fackeln sie nicht lange, sondern korrigieren sofort den Kurs.
  • Sie werden vielleicht nicht „The Body“ genannt, fühlen sich aber trotzdem fantastisch in ihrer Haut – und möge sie auch noch so viele Wellen schlagen.
  • Sie wissen, was sie wollen. Und sie wissen, wie sie es bekommen. Und wenn sie es nicht bekommen, dann war es nicht für sie bestimmt. Ommm.
  • Sie sind umtriebig wie Helene Fischer, kreativ wie Walt Disney und gelassen wie der Dalai Lama. Sie sind die Vorlage für Superwoman.
  • Sie sind zu 100 Prozent weiblich, stehen aber in jedem Lebensbereich voll ihren Mann – und das noch besser als jeder Mann.
Außerdem halten sie weder Hunde noch Katzen, sondern Einhörner… ähm… okay, das war jetzt gelogen. Tja… ich bin  Lara Croft – aber nur im Geiste und im Herzen. Und Chuck finde ich zwar großartig, allerdings ist er ist ein ganz anderer Typ als ich.

Oberflächlichkeit ist ja sooo U20…

Aber mal im Ernst: Ich tue mich wirklich schwer damit, mich aufgrund meines Alters irgendeiner Gruppe anzuschließen. Das habe ich mit U20 nicht getan und ich fange jetzt
nicht damit an. Denn mein Alter per se ist kein Garant für irgendwas. Außer vielleicht für nachlassendes Bindegewebe oder graue Haare – aber da muss ich ja drüberstehen, weil ich weiß, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt. Alles andere wäre schließlich „suuuuuperoberflächlich“ und Oberflächlichkeit ist mit das Schlimmste, was einem in dem Alter vorgeworfen werden kann. Oberflächlichkeit ist soooo U30. Ach was… U20!

Schon klar, dass das Leben genug ernste Themen bietet, denen man sich widmen kann und das tue ich auch. Aber deswegen kann ich es ja trotzdem für einen Moment bedauern, dass der kurze Rock im letzten Jahr besser saß und statt des Minis nun die italienische Länge angesagt ist. Ich muss erste graue Fäden am Haaransatz auch nicht so sehr mögen, dass ich fortan naturbelassen rumlaufe. Oder mich dem Tanz ums goldene Kalb der Äußerlichkeit gleich komplett verweigern, indem ich nur noch Sackleinen trage und mitleidig alle belächele, die bei „Anti-Aging“ und „Figuroptimierung“ glänzende Augen bekommen. Ich kann es machen, wenn ich das möchte und wenn es das Richtige für mich ist – aber ich kann es ebenso gut sein lassen, weil es (vielleicht noch) das Falsche für mich ist. Leben und leben lassen.

Der Mythos der in sich ruhenden Ü40erin…

Kommen wir mal zum Mythos der „in sich ruhenden Frau“, die ab Werk scheinbar mit einer Teflonbeschichtung ausgestattet wurde, deren Wirkung erst nach dem vierzigsten Geburtstag einsetzt und die mit jedem weiteren Lebensjahrzehnt zunimmt. Oder zu Frauen, deren Leben „jetzt erst richtig beginnt“. Nun, ich ruhe nicht permanent in mir, aber ich arbeite jeden Tag daran, nicht mehr allzu oft aus der Haut zu fahren. Und ich suche noch immer. Was genau ich suche, weiß ich zwar nicht – allerdings bekomme ich zunehmend ein Gespür dafür, in welche Richtung es gehen könnte und in welche gar nicht. Mein Leben geht auch nicht jetzt erst los. Ich habe schon vorher gelebt – nur anders. Prioritäten verschieben sich nun mal, das nennt sich Leben. Allerdings bin ich vorher mitnichten jahrzehntelang wie eine Raupe durch die Gegend gekrochen und werde nun plötzlich zum Schmetterling, nur weil ich eine bestimmte Altersgrenze geknackt habe.

Fakt ist: Mit diesem Feenstaub, der Frauen dieses Alters (nur in der Bloggerwelt?) umgibt, kann ich so gar nichts anfangen. Ich bin kein gänzlich anderer Mensch, nur weil ich plötzlich ein paar Jahre mehr auf dem Buckel habe und mir Hexenhaare am Kinn sprießen. Ich muss mich nicht schöner, klüger oder großartiger finden, nur weil ich diese Altersgrenze geknackt habe. Und ich bin ebenso wenig eine „bessere“ oder „echtere“ Frau als vorher.

Ich bin kein Wunderweib, nur weil ich schon wieder genullt habe…

Ich werde kein Wunderweib, nur weil die Wechseljahre vor der Tür stehen   – auch wenn das in verschiedenen Büchern oder online gerne mal so dargestellt wird. Ich bin und bleibe einfach ich. Mit all meinen Fehlern, Macken und Zweifeln. Manche Baustellen sind verschwunden, neue tauchen auf – zumindest bei mir. Auch das nennt sich Leben. Manchmal möchte ich meinen in sich ruhenden Leserinnen gerne sagen: „Hey, ihr seid falsch hier. Ich bin gar nicht die, für die ihr mich haltet! Nehmt eure Beine in die Hand und rennt. So schnell ihr könnt!“ Aber dann wird mir bewusst, dass nicht alle Ü40erinnen so nahe dran sind an Lara und Chuck. Es gibt auch welche wie Elizabeth Gilbert oder Ildikó von Kürthy, die mit ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens und der Frage, wann der Knackarsch begann, langsam „Time to say goodbye“ zu singen, Millionen von Frauen ansprechen. Frauen wie mich.

 

  • Frauen, die sich die Freiheit nehmen, nicht alles zu wissen und die auch mal keine Antworten haben.
  • Frauen, die nicht absolut überzeugt von jeder ihrer Entscheidungen sind, die aber
    trotzdem nicht gleich ihr ganzes Leben radikal auf den Kopf stellen, „weil sie jetzt mal dran sind“.
  • Frauen, die sich nicht jeden Tag toll finden und die beim Blick in den Spiegel nicht ständig in Begeisterungsstürme ausbrechen, „weil sie jetzt besser in Form sind denn je“. Sondern Frauen, die den Spiegel an manchen Tagen auch gerne mal zuhängen möchten, weil er ihnen komische Sachen zeigt, die nichts, aber auch gar nichts mit ihnen zu tun haben.
  • Frauen, die wissen, dass Anti-Aging- und straffende Körpercremes vor allem den
    Geldbeutel straffen – und die das Zeug trotzdem gelegentlich kaufen, weil sie halt noch an Wunder glauben.
  • Und Frauen, die nicht mantraartig runterbeten, dass „jetzt die beste Zeit ihres Lebens beginnt“ – was ja genau genommen auch ein ziemliches Armutszeugnis für die bisherigen Jahre ist.

Lasst uns einfach mal gemeinsam schauen, was wir unterwegs finden…

Es gibt viele tolle Frauen – jeden Alters. Und es gibt Frauen, mit denen ich nicht warm werde – altersunabhängig. Das Alter ist mir  ehrlich gesagt schnurzpiepegal, aber ich freue mich, wenn ich Frauen treffe, die ähnlich ticken wie ich. Frauen, die ebenfalls auf der Suche sind: nach dem Sinn ihres Lebens, gesunden Chips, der perfekten Jeans, Sonnencreme, die nicht klebt oder dem ultimativen Glow. Und ob diese Frauen nun 30, 40 oder 60 sind, das ist mir so wurscht, als ob in China ein Sack Reis umfällt. In diesem Sinne: Lasst uns nicht über das Alter reden und alles und jeden in Schubladen pressen, sondern gemeinsam auf die Suche gehen und mal schauen, was wir unterwegs finden. Und ich freu mich, wenn wir ein Stück des Weges gemeinsam gehen können… 😉
 zitat-allymcbeal