Fast Fashion:Warum ich meine Lieblingsjeans manchmal hasse.

Ich liebe Jeans. Vor allem die im Used-Look. Und ein Blick auf Instagram und ähnliche Inspirationsplattformen legt derzeit nahe, dass frau ohne zerfetzte Jeans in dieser Saison wohl ihre Modedaseinsberechtigung verloren hat. Gut, zerstören kann ich meine Jeans alleine, aber ein Leben ohne sie ist für mich schlichtweg nicht vorstellbar. Nachdem ich mich vor einiger Zeit allerdings intensiver mit ihrer Herstellung befasste, erhielt meine Jeansliebe einen gewaltigen Dämpfer. So gewaltig, dass ich keine Lust hatte, mir neue Jeans zu kaufen und zum Glück war das auch nicht nötig. Faire oder umweltvertägliche Herstellung? Und im Himmel ist Jahrmarkt. Da macht es leider auch keinen Unterschied, ob ihr zum 10€-Wegwerfartikel oder der edlen Labeljeans greift- in den Drecktümpeln hinter den Fabriken vereinen sich die Farb- und Giftstoffe von „billig“ und „edel“ und ich muss zugeben, dass mich das am meisten ärgert. Natürlich würde ich für eine tolle und verträglich hergestellte Jeans auch mehr zahlen – aber eben deshalb, weil sie fair hergestellt wird und nicht, weil man sie irgendwelchen VIPs überstreift und die Welt mit Werbekampagnen überrollt.

Die Jeans-Erleuchtungs-Theorie…

Gebe zu, dass mir die Jeans-Sache [anstelle von Jeans könnt ihr auch T-Shirt, Sweatshirt, Kleid oder andere Kleidungsstücke nach Belieben einsetzen] quer im Magen liegt. Außerdem bin ich ja ein Mensch, der gerne grübelt. So Elisabeth-Gilbert-Eat-Pray-Love-mäßig. Wie stellt der normale Mensch einen Zusammenhang zwischen Jeans und idiotischer Grübelei … ähm… Sinnsuche her? Keine Ahnung, ich bin ja nicht normal. Habe allerdings im Rahmen einer Grübelphase meine eigene Jeans-Erleuchtungs-Theorie entwickelt und die besagt: Solltest du allen Ernstes ein Retreat aufsuchen oder dich in einem Ashram verbuddeln wollen [nur theoretisch natürlich!], dann mach stattdessen lieber ein 14-tägiges Praktikum in einer chinesischen Jeansfabrik – alternativ in irgendeiner dieser armseligen Bekleidungsfabriken. Die Erleuchtung [Hey, dein Leben ist gar nicht so beschissen, wie du manchmal glaubst.  Das geht auch viel, viel, viel  schlimmer!] gibt’s hinterher gratis. Alternative: Stell deine Jeans und die Restklamotten [natürlich inkl. der dafür nötigen Stoffe!] selbst her, dann hast du keine Zeit zum Grübeln und tust ein gutes Werk.

Der Mensch ist billiger als eine Maschine…

Wie kam es zu dieser Theorie? Auslöser war die Doku „Der Preis der Blue Jeans“, in dem lapidar festgestellt wurde, dass der Mensch – in diesem Fall ein chinesischer Fabrikarbeiter- billiger als eine Maschine ist. Ich würde noch hinzufügen: Abhängig von der Mentalität läuft der Mensch auch länger als die Maschine und außerdem kann er kostengünstiger ausgemustert werden. Zack und weg. Für die Maschine fallen neben den Anschaffungs- halt auch Wartungs- und/oder Reparaturkosten an und Strom und Wasser frisst sie auch. Bezweifele außerdem, dass eine Maschine 30 Tage/Monat und 16 Std/Tag läuft und das umgerechnet für einen Schlag ins Gesicht von ca. 150 Euro/Monat. Die Auftraggeber [ob Ramsch- oder stylishe Billigkette, ob Versandhaus oder High Fashion, es ist alles vertreten] zahlen um die 4€pro Jeans und überlegen schon, ob sie nicht doch besser nach Afrika weiterwandern sollen, weil die Chinesen und auch die Inder langsam zu teuer werden und wir hier ja auch nicht so viel für unsere Klamotten bezahlen wollen.

Jeans brauchen Wasser. Viel Wasser. Das findet man in… Afrika?

Jeansproduktion in Afrika. Klingt ähnlich absurd wie meine Jeans-Erleuchtungstheorie, finde ich. Für die Herstellung einer Jeans wird Wasser benötigt. Viel Wasser. Je nach Quelle ist von 6000 – 12.000 l Wasser die Rede – pro Jeans. [1],[2] Und das, wo heute im Jahr 2016 noch immer 768 Millionen Menschen keinen Zugang zu freiem Trinkwasser haben. Zusätzlich verschärfen die Folgen des Klimawandels in mehreren afrikanischen Staaten die Probleme bei der Versorgung der Bevölkerung mit ausreichend sauberem Wasser. Wie kommt man da auf die Idee, Jeans in Afrika herstellen zu wollen? Vielleicht zu lange die eigenen Farbdämpfe eingeatmet oder in den fabrikeigenen Drecktümpel gefallen, man weiß es nicht…

 Neue Jeans gefällig? Gerne. Die muss aber alt aussehen…

Ebenfalls zu denken gab mir das, was ein in der Doku zu Wort kommender Designer sagte. Sinngemäß: „Der Kunde kauft ständig neue Jeans – die allerdings trägt er nicht lange. Wichtig ist, dass die neue Jeans möglichst alt aussieht.“ Da sehe ich mit meinem neuen Used-Look wohl ganz schön alt aus. Vielleicht wäre es Zeit, den Used-Look mal neu zu interpretieren und der Wegwerfmentalität, die sich durch alle Lebens- und Konsumbereiche zieht, zu trotzen. Mitmachen kann übrigens jeder und im Jeans-Fall ist es auch ganz leicht: Einfach die alte Jeans so lange tragen, bis sie wirklich alt aussieht und nicht gleich die nächste neue Used-Jeans kaufen. Oder in einem der zahlreichen Secondhandshops im Netz vorbeischauen. Dort gibt’s übrigens nicht nur Jeans… 😉

 Sogar der Rote Teppich wird jetzt grün…

Hüpfen wir mal von den Jeans zum Red Carpet. Wobei mich das, was auf den Roten Teppichen dieser Welt los ist, ziemlich kalt lässt – es sei denn, Livia Firth taucht auf. Dass Colin Firth ein toller Schauspieler ist, wusste ich ja. Aber dass er eine so tolle Frau hat, wusste ich bisher noch nicht. Livia Firth setzt sich nicht nur medienwirksam für Nachhaltigkeit ein, indem sie zur Filmpremiere „The King’s Speech“ in einem aus dem Anzug ihres Mannes recycelten Outfit erscheint und fortan die Roten Teppiche ergrünen lässt, indem sie nur noch im ethisch korrekten Outfit erscheint. Sie reist auch nach Bangladesh und schaut sich in den „Sweatshops“ an, unter welchen Bedingungen die Näherinnen dort arbeiten. Herausgekommen ist „The True Cost“ – Der wahre Preis unserer Kleidung„. [Klick zu youtube]

Möglicherweise sind Filme wie diese (oder auch nur die Trailer) wirksamer als jedes Minimalismus-Buch, das uns zu bewusstem Konsum bewegen möchte. Livia Firth sagte nach ihrem Einblick in die „Sweatshops“: „Danach kannst du definitiv nicht einfach nach Hause kommen und zur Tagesordnung übergehen.“ Mir selbst geht es schon nach dem Anschauen des Trailers so. Ich werde jetzt nicht beschließen, dass ich nun ein Jahr zum Shoppingabstinenzler werde. Aber ich werde nicht nur regelmäßig Kleiderschrank-Zen praktizieren, sondern mir ein Beispiel an Ines und Andrea mit ihrer Kleiderschrank-Inventur nehmen. Und zwar VOR dem nächsten Shoppingflash. Vor jedem. Bleibt auch weniger Zeit zum Shoppen, wenn ich ständig mit dem Ein- und Ausräumen meiner Klamotten beschäftigt bin… 😉

P.S: Einen tollen, nachdenklich machenden und sehr lesenswerten Post zu diesem Thema findet ihr auch bei Rostrose und mit diesem Post nehme ich an ihrer Aktion A New Life teil.

10 Kommentare zu „Fast Fashion:Warum ich meine Lieblingsjeans manchmal hasse.

  1. Tja, weniger shoppen ist wohl das einzige, was man machen kann! Aber das fällt manchmal schwer, all die großen SALE-Schilder…. Dass teure Marken hier ebenso betroffen sind, wie günstige, beruhigt mich etwas, denn die teuren kann ich mir sowieso nicht leisten.
    LG
    T.

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  2. Wie ich heute und die letzte Zeit immer öfter feststelle – diese Welt ist krank. Verrückt. Daneben. Wir sind ein Haufen schrecklicher Egoisten und kümmern uns einen Scheißdreck um die Bedürfnisse Anderer. Ich nehme mich dabei absolut nicht aus, im Gegenteil. Wir kaufen schlecht ein (zuviel Plastik), wir verbrauchen zu viel, verschwenden Ressourcen, fahren Auto (ich sogar Diesel) und ich kaufe zu oft neue Klamotten und Schuhe. Schuldig. Und wir müssen was ändern. Mir geht das schon so lange immer wieder im Kopf rum, bloß blöderweise streikt mein Kurzzeitgedächtis offenbar, wenn ich mal wieder tolle Schuhe oder eine hübsche Bluse sehe. Und wenn die dann auch noch günstig ist.. ich sag ja. Schuldig. Ich würde so gern nur noch Bio und fair und ökologisch einkaufen und überhaupt mein Konsumverhalten ändern.. In Kiel gibt es einen Unverpackt-Supermarkt. Wäre also möglich. Nur.. ich bin zu faul und zu bequem und zu geizig. Wieder schuldig. Und unentschuldbar. Denn so arm bin ich eigentlich nicht…. Es wird wohl noch ein kleines Bisschen schwären, dann bin ich hoffentlich so weit, um einiges zu ändern. Die kleinen Dinge machen wir zum Glück schon lange – eigene Einkaufsbeutel, keine Fertigprodukte, keine Duschgels etc. mit Mikroplastik (zumindest keine Neukäufe mehr!) und vieles mehr. Und ich verspreche: wenn ich eine „neue“ Jeans brauche, schaue ich zuerst im Second Hand Laden!

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    1. Jep, das denke ich auch immer öfter. Kranke und verrückte Welt. Oder eher: die arme Welt wird von kranken und verrückten Menschen bevölkert. 😦

      Mit dem Post wollte ich dir aber keine Schuldgefühle machen – wobei ich selbst auch welche habe. Wir waren mal sehr viel besser dabei, bewusst einzukaufen (gilt nicht für die Kleidung) und uns bewusst zu ernähren, aber irgendwie sind wir sehr in alte Verhaltensmuster gedriftet. Ich muss da auch wieder mehr aufpassen. Sehr viel mehr. „Unverpackt“-Laden haben wir ja hier auch, aber der ist nicht gerade ums Eck, von daher wäre es auch schwachsinnig, für den Einkauf durch die halbe Stadt zu fahren. Obst ohne Umverpackung kann ich mir ja auch auf dem Markt holen, aber alleine die Tatsache, dass es diese Läden gibt, lenkt meinen Blick darauf, dass ich mal bewusster einkaufen kann und sollte. 😉

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  3. Also, Ines Meyroses Modemathematik und Kleiderschrankinventur sind doch schon mal ein guter Anfang. http://www.meyrose.de/2013/07/18/modemathematik/
    Wenn ich ein Kleidungsstück gern und lang trage, dann ist doch schon viel gewonnen. Nicht nur für die Modemathematik.
    Wenn ich dann aber einer Freundin begeistert sage, dass ihr das Kleid, die Jeans usw. super stehen, auch wenn sie das nun schon das 100ste Mal anhat, dann ist noch mehr gewonnen.
    Denn die im Ton begehrlich klingende Frage:
    „Oh, hast Du das neu??“ – ist doch schon die erste Falle. Solange es toll ist, zu sagen, dass man etwas Neues hat, solange wird der ungute Kreislauf in Bewegung gehalten.
    Französinnen z.B. sagen sich oft ein Kompliment, wenn eine Frau ein Outfit an hat, das ihr besonders gut steht und das geht so: „Ah, du hast wieder das aparte, blaue Kleid an, in dem Du immer so toll aussiehst.“
    Schön – nicht?
    Herzliche Grüße von Sieglinde

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    1. Die Französinnen wieder. *g* Mit denen (oder den französisch angehauchten Style-Guides) hab ich’s ja. 😉

      Und ich unterschreibe das absolut: Wenn ich ein Kleidungsstück gerne und lange trage, ist viel gewonnen. Darum bin ich auch relativ dankbar, dass ich meinen eigenen Stil mittlerweile gefunden habe. Der ist – so schlicht, wie er ist – trendunabhängig, weil unten Jeans und obenrum eine schwarze Klamotte. Es schert mich also überhaupt nicht, ob heute rote Punkte und morgen grüne Streifen angesagt sind. Das minimiert Fehlkäufe erheblich und freut nicht nur die Umwelt, sondern auch meine Kasse.

      Lieben Gruß!

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Kommentare machen das Bloggen bunter und ich freue mich, wenn ich hier keine Selbstgespräche führen muss. ;)

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