Meine Seele hat ein Sparkonto.

Habt ihr manchmal das Gefühl, dass euch alles zu viel wird und dass die nächste Aufgabe – möge sie auch noch so winzig sein – euer Kartenhaus zusammenstürzen lassen könnte? Nein? Dann gratuliere ich euch von Herzen. Klickt ausnahmsweise mal weiter, dieser Text ist nichts für euch. 😉

Und wie sieht’s mit dem Rest von euch aus? Engagiert ihr euch für irgendwas? Vielleicht für die Umwelt, artgerechte Tierhaltung, Kaffeebauern in Lateinamerika oder eure Gemeinde? Und setzt ihr euch in ähnlichem Maß für euch selbst ein und gönnt euch hin und wieder was Gutes?  Ich rede von diesen typischen Belohnungen, die uns am Laufen halten. Wie die aussehen, wissen wir ja, weil uns  oft genug vorgebetet wird. Ihr könnt…

  • ein Bad nehmen (am besten die Kerzenlicht-Rosenblatt-Nummer und das Buch nicht vergessen!),
  • euch einen Wellnesstag in einem luxuriösen Spa gönnen,
  • neue Unterwäsche (nee, keine Feinripp-Slips) kaufen,
  • oder gleich einen ganzen Shoppingmarathon absolvieren
  • und zum Schluss beim Lieblingsitaliener aufschlagen.

Kurz: Je mehr die Kreditkarte glüht, desto besser. Richtig? Denkste. Und ich hätte nicht gedacht, dass ich als kleines Konsummonster das jemals schreiben würde, zumal ich selbst lange Zeit die „Kauf dich glücklich“-Strategie verfolgt habe. Allerdings musste ich irgendwann einsehen, dass das so nicht funktioniert. Bei mir. Oder nur kurzfristig. Weil es eben nur in hübsche Tüten gepackte Trostpflaster sind – allerdings sehr niedliche mit Blümchen und Comicfiguren, denen man nur schwer widerstehen kann. Problem erkannt und behoben? Wäre zu einfach. Ich wusste zwar, was nicht hilft, aber was hilft, wusste ich eben auch nicht.

Luft raus: Wenn einem das Fell über die Ohren gezogen wird…

Also tat ich nichts. Mein Akku wurde leerer und leerer und es kam so, wie es kommen musste und es war gruselig. Wenn mein Akku leer ist oder mir die Luft ausgeht, benehme ich mich nämlich so dämlich, dass ich mich vom liebsten von mir selbst scheiden lassen möchte:

 

  • Ich werde zickig und unleidlich. Zerstreut und rechthaberisch.
  • Ich fühle mich rastlos und möchte am liebsten alles hinwerfen und verreisen. Sofort.
  • Mich überkommen seltsame Shoppinggelüste und ich bin in extremer Kauflaune.
  • Mir geht alles schwerer von der Hand – selbst das, was ich normalerweise im Halbschlaf erledige, ist eine riesige Herausforderung.
  • Ich beäuge missgünstig Menschen, denen scheinbar alles „in den Schoß fällt“.
  • Ich habe keine Lust mehr, gescheit für mich zu sorgen – Sport fällt flach und sogar das „richtige Kochen“ nervt mich und ich würde am liebsten zur Pizza greifen, weil ich die einfach in den Ofen schieben kann. Und schon setzt sich ein Teufelskreis aus negativen Verhaltensweisen in Gang.
  • Wenn ich zu lange ignoriert habe, dass mein Akku in den roten Bereich gerauscht ist, kann sogar der staubige Couchtisch eine mittelschwere Krise auslösen, weil mir plötzlich alles zu viel wird – selbst das kleinste Staubkörnchen.
  • Ich fange wieder an, in „Die Wolfsfrau“ zu lesen – und wenn das der Fall ist, dann ist Alarmstufe Rot angesagt, weil der Akku fast tot ist.

Ich wäre nicht im Traum darauf gekommen, meine „komischen“ Verhaltensweisen mit meinem Seelen-Akku in Verbindung zu bringen. Ich hielt mich halt für eine schlimme Zicke, versuchte, mich mit oben erwähnten Methoden bei Laune zu halten und fragte mich in schöner Regelmäßigkeit, was zum Henker mit mir nicht  normal ist. Bis ich dann mal zu einem Buch griff, das ich seit Jahren konsequent ignoriert hatte, weil ich es ein bisschen blöd (zu blöd, um es zu lesen und nicht blöd genug, um es wegzuwerfen) fand. Zu Frauengruppen-mäßig. Damit wollte ich nichts zu tun haben. Also gammelte „Die Wolfsfrau“ im Regal vor sich hin – bis zu diesem Tag. Und prompt stieß ich im Kapitel über das Märchen „Seehundfell, Seehundhaut“ auf das seelische Sparkonto und wurde hellhörig…

 

 

Seelisches Sparkonto? Was’n das für’n Quatsch?

Um seelische Sparkonten oder ähnlichen Quark habe ich mir vorher ehrlich gesagt nie Gedanken gemacht. Zu abgehoben. Aber den Worten der Autorin Clarissa Pinkola Estés konnte ich mich dann doch nicht verschließen. Sie schreibt in  Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte:

Es geht um die Zeit, die Energie, die Kraft, die uns jede Beschäftigung kostet, denn jede psychische Verausgabung ist, als würde man Bargeld von einem seelischen Sparkonto abheben. Selbstverständlich wollen wir Bargeld abheben und uns am Geben und Nehmen in dieser Welt beteiligen. Aber ein überzogenes Konto zieht uns das kostbare Fell über die Ohren, und dann liegen wir auf dem Trockenen, sozusagen, dann fehlen uns die Rücklagen. Es ist der Mangel an frischen Energieüberweisungen, der Mangel an neuen Einsichten, an positivem Feedback und Enthusiasmus, der einer Frau das Gefühl gibt, allmählich bankrott zu gehen. 

Oder…

Es ist nicht um die Richtigkeit oder Verkehrtheit einer Person oder Sache, die uns die Seelenhaut stiehlt, sondern der Preis, den wir für unsere Verstrickung mit irgendetwas bezahlen müssen.

Eine sehr subtile Art, Frauen das Fell abzuziehen, besteht darin, ihnen Zeit und Kraft zu stehlen.  […] Manche Menschen und Dinge, die einen fordern, versuchen uns die Zeit mit Charme abzuringen; andere gebärden sich fordernd und selbstgerecht in ihrer Wut; wieder andere wirken so herzzerreißend hilflos, dass unser Mitgefühl überquillt und wir freiwillig helfen.

Damit konnte ich in der Tat etwas anfangen. Denn das ist mitten aus dem Leben gegriffen. Aus meinem Leben. Und plötzlich wurde mir bewusst, wie sehr ich mein seelisches Sparkonto im Lauf der Jahre geplündert hatte, ohne je bewusst eine gescheite Einzahlung zu tätigen. Und selbst jetzt, wo ich um dieses Sparkonto weiß, verschiebe ich die Einzahlungen gelegentlich aus verschiedenen Gründen und tröste mich mit Ausflüchten. Etwa…

  • „Sobald ich das erledigt habe, dann…“
  • „Wenn ich mehr Geld habe, dann…“
  • „Wenn das Kind aus dem Haus ist, dann…“
  • „Wenn ich nur ein wenig mehr Zeit habe, dann…“
  • „Wenn dieses und jenes erst geregelt ist, dann…“
  • „Wenn das Wetter besser wird, dann…“

Was passiert? Die Einzahlung verschiebt sich auf den Sankt-Nimmerleins-Tag, ich hänge weiter im Hamsterrad, um mit halber Kraft die doppelte Leistung zu bringen. Das schlechte Gewissen gibt’s gratis dazu, weil ich igendwie nicht so richtig bei der Sache bin und mir dessen sehr wohl bewusst bin – also hänge ich mich noch ein bisschen mehr rein. Bis es dann eben nicht mehr geht.

Welche Währung akzeptiert mein seelisches Sparkonto?

Damit es soweit gar nicht erst – oder so selten wie möglich – kommt, ich also nicht nochmal Raubbau mit meinem seelischen Sparkonto betreibe oder mir das Fell über die Ohren ziehen lasse, habe ich mein persönliches Einzahlungsprogramm entwickelt. Nicht alles hilft gleichermaßen und zu jeder Zeit. Manchmal brauche ich den totalen Rückzug, ein anderes Mal Ablenkung. Manchmal muss ich ans Meer, ein anderes Mal reicht meine übliche Laufreunde. Gelegentlich gibt es aufgrund der Umstände auch nur einen Einzahlungsquickie, aber witzigerweise ist das dann oft genug – weil ich mir selbst zeige, dass ich mich nicht an die letzte Stelle setze. Reden wir mal über die Währung, die mein seelisches Sparkonto akzeptiert. Dazu gehören u.a.:

  • Decke über den Kopf ziehen und für niemanden erreichbar sein. Um es noch mal klar zu sagen: Für niemanden bedeutet, dass es keine Ausnahmen gibt. Keine. Funktioniert logischerweise nicht ganz so einfach, wenn man kein Wochenendhäuschen hat, in das man sich zurückziehen kann, aber es ist machbar. Die ersten Male muss man möglicherweise auch recht deutlich kommunizieren, dass man für die nächsten Stunden/den ganzen Tag für niemanden ansprechbar ist, aber es funktioniert.
  • Laufen. Oder sportlicher formuliert: walken. Turnschuhe an, rein in die Sportklamotten und eine Stunde zügig gehen – idealerweise dort, wo mir kaum jemand über den Weg läuft. Walken ist meine Art der Meditation. Denn so voll mein Kopf auch ist  – beim Walken fühlt es sich an, als würde man den Stöpsel der übervollen Badewanne ziehen und plötzlich wird das, was im Kopf riesengroß war, zum kleinen Reiskorn. Interessanterweise kann ich vorher auch noch so kaputt sein und nur schlafen wollen – nach dem Walken fühle ich mich so frisch, als hätte ich ein Nickerchen gemacht. Je kaputter ich bin, desto dringender muss ich walken (nicht joggen) gehen.
  • Einen Tag wie ein Tourist durch die eigene Stadt laufen und so tun, als hätte ich das alles noch nie gesehen. Hierzu gehören natürlich auch ein Schaufensterbummel und ein Cappuccino, gekauft wird aber höchstens eine winzige Kleinigkeit – beispielsweise eine hübsche Postkarte.
  • Lesen – und zwar explizit etwas, was nichts mit Fachliteratur zu tun hat. Und wenn ich mich so gar nicht für einen Roman entscheiden kann, weil der Geist immer wieder „aus den Seiten hüpft“ und ein Eigenleben entwickelt, dann greife ich gerne mal zu Harry Potter (egal welcher) oder „Stolz und Vorurteil“.
  • Eine meiner liebsten DVDs einwerfen. An ganz besonders heftigen Tagen auch mal nachmittags. Oder in sehr seltenen Fällen, in denen gar nichts mehr geht sogar schon am Vormittag (Homeoffice sei Dank). Aber das ist wirklich die Ausnahme und wird meist mit einem „Heute bin ich für niemanden zu sprechen“-Tag kombiniert.
  • Einfach mal was machen, was ich an einem gewöhnlichen Wochentag nie mache. Beispielsweise Waffeln [Scones, was ihr mögt] backen. An einem stinknormalen Dienstag. Für mich selbst und für niemanden sonst. Oder ein Essen kochen, was mir für einen Wochentag normalerweise zu aufwändig ist. Oder halt tatsächlich was beim Lieblingsitaliener bestellen, weil es einfach ein schönes Gefühl ist, sich mal um nichts kümmern zu müssen – nur um sich selbst.

Diese Währungen (und ein paar, die ich hier nicht aufgeführt habe) funktionieren für mich, weil ich jemand bin, der sehr viel Kraft aus der Natur zieht und der regelmäßig eine Zeit des Rückzugs braucht – vor allem dann, wenn ich viel mit anderen zusammen war. Wenn mir das nicht gelingt, bin ich nur noch ein Schatten meiner selbst und man hat mir schon mal attestiert, dass ich wohl ein ziemlicher Einsiedler bin. Da kann durchaus was dran sein, finde ich allerdings nicht tragisch, weil jeder Jeck anders ist. 😉

So, und wie sieht’s nun bei euch aus: Kümmert ihr euch regelmäßig um euch selbst und zahlt auf euer seelisches Sparkonto ein?

[Beitragsbild: erstellt mit Canva, Rest privat]