Kolumne|Der Tag, an dem das Internet ausfiel und ich zur Blödbatze wurde…

Angedeutet hat sich das Kommunikationsdrama schon länger, neulich war nach mehrmaligem Ziehen des Steckers und parallel dazu ausgestoßenen Verwünschungen jedoch klar: Das wird nichts. Ich kann das Internet nicht aus der Leitung zwingen, also muss ich mich wohl mit dem arrangieren, was ich gerade habe und das ist: nichts. Wobei das, was ich habe, ja eigentlich nicht nichts ist, sondern eben das, womit man sich in der Phase zwischen Tontafeln und Brieftauben irgendwie arrangieren musste – aber seien wir doch mal ehrlich: das ist nichts!

Und dieses Nichts wirft ein gewaltiges Problem auf, denn es zerstört meine Tarnung. Tatsächlich erwecke ich ja den Anschein, als würde ich über eine halbwegs gescheite Allgemeinbildung verfügen und als könnte man mit mir über viele Themen reden. Die Wahrheit ist: das ist eine Lüge. Aber ich habe Google und ich weiß es zu nutzen. Eines meiner zahlreichen Geheimnisse ist nämlich das multiple W: Ich weiß einfach, wann, wo und wie ich was suchen muss, um die Wissenslücken zu schließen. Im Klartext: Ich googele, denn wer die Macht der Suchmaschine auf seiner Seite hat, wirkt wesentlich gebildeter – vor allem natürlich dann, wenn der Suchende auch in der Lage ist, das Gefundene so zu begrüßen, als wäre es der langvermisste Bruder und kein Barcode, den es ohne Smartphone zu dechiffrieren gilt. Und so es sich nicht um… sagen wir mal… Quantenphysik oder Integral- oder Differantialrechnung handelt, gelingt es mir meist recht gut, das Gefundene verstandsmäßig so zu erfassen, dass ich es in Text oder Konversation einfließen lassen kann, ohne andere merken zu lassen, dass es sich um einen noch originalverpackten Neuzugang handelt. Nun jedoch hat das Netz meinen Zugang zur Suchmaschine gekappt – und ich bin ziemlich blöd.

Doch damit nicht genug. Da mir die Weite des weltweiten Netzes entzogen wurde, bekomme ich in meinem kleinen Zimmerchen urplötzlich einen klaustrophobischen Anfall. Schnappe mir aber sicherheitshalber noch mal meinen Textor [ein geniales, dem Wortschatz auf die Sprünge helfendes Nachschlagewerk], um zu überprüfen, ob klaustrophobisch auch tatsächlich das ist, was ich fühle oder ob ich da wieder was durcheinanderwerfe, weil ich ja nicht googeln kann und ein kleiner Doofi bin. Natürlich könnte ich auch beengt, knapp oder eingepfercht schreiben, weil nur Idioten oder Angeber mit Wörtern um sich werfen, die sie nicht handlen können, aber damit assoziiere ich derzeit immer nur die vor dem Frustnaschkram kapitulierenden Klamotten. Klaustrophobisch hört sich einfach besser an, weil’s weniger nach Süßigkeitengrab oder Pasta-Aufbewahrungstelle klingt.

 

 

So total auf mich zurückgeworfen, fühle ich mich plötzlich auch einsam. Sehr einsam. Und kein Schwein mailt mich an. Möchte dringend mit irgendwem kommunizieren – blöderweise hängen aber alle anderen in dem Netz, das mich rausgeworfen hat, obwohl ich dafür bezahle! Von wegen, alles ist käuflich und es ist nur eine Frage des Preises. Pah. Drauf geschis…äh… ist alles gar nicht wahr. Würde meinen Welt- und Seelenschmerz sehr gerne online raushauen und ein paar „Ich mag dich trotzdem“ oder „Kopf hoch!“Kommentare abgrasen. Aber nee… geht nicht. Und es wird noch schlimmer! Weil ich heute nämlich auch keine Herzchen bekomme! Ja wie denn auch?! Ich kann ja nicht mal meine Kaffeetasse auf Instagram hochladen!!! Was für ein Drama! Niemand wird mir einen „Guten Morgen“ wünschen, mir Herzchen oder Smileys schenken oder mir bestätigen, dass mein Mittagessen toll aussieht, obwohl es Schrott ist. Bin eine ganz arme Wurst. Die ärmste von allen. Und blöd noch dazu.

Schmolle rum, drehe Däumchen und bemitleide mich selbst. Male außerdem den Teufel an die Wand, der mir prophezeit, dass mich alle ganz schnell vergessen haben werden, wenn ich mal ein paar Stunden nicht online bin. Wer ein paar Tage offline ist, ist ja komplett weg vom Fenster, weil die Onlinegesellschaft mittlerweile zu schnelllebig für Schnarchnasen mit zickendem Internet ist. Ich bin erledigt. Weine ein bisschen in meine Kaffeetasse, die ich sonst niemandem zeigen kann, vermeide es aber erfolgeich das zu tun, was stattdessen erledigt werden könnte. Hausfrauenkram und so. Oder Sport. Hypnotisiere lieber den Router, um kraft meiner Gedanken das Internet aus der Leitung zu zerren und lerne einmal mehr, dass ich im Leben weitaus weniger beeinflussen kann, als es mir lieb ist.

Wäre ein schöner Zeitpunkt, um einfach mal in mich zu gehen und zu überlegen, wie das Leben ohne Internet war. Unvorstellbar, dass das noch gar nicht so lange her ist! Und unfassbar, wie sehr ich mittlerweile davon abhängig bin. Das missfällt mir. Denn:

Soziale Medien zeigen sehr schön die Sehnsucht der Menschen, resonant mit der Welt verbunden zu sein. Gerade deswegen sind sie so attraktiv, sie gaukeln echte Resonanz aber nur vor. Die neuen Medien verstärken noch ein anderes Verhalten: Wir haben uns angewöhnt, die Welt nach immer interessanteren Optionen zu scannen. Dahinter steckt die Angst, irgendwo etwas zu verpassen. Dann kann ich aber nicht in eine Resonanzbeziehung treten. Die setzt nämlich voraus, dass man Aufmerksamkeit fokussiert und alles andere loslässt – nach dem Motto: Ich werde etwas verpassen, aber das ist mir die Sache wert. (Quelle: Hartmut Rosa: Soziale Medien gaukeln Resonanz nur vor)

Vielleicht sollte ich doch nicht meinen Provider wechseln, nur weil das Internet ab und an streikt. Sondern die gelegentlichen Zwangspausen als dringend nötigen Tritt in den Allerwertesten betrachten, um mich mal wieder ohne Netz und doppelten Boden auf das Leben einzulassen. Auf das Leben, in dem ich keine Herzchen bekomme, nur weil ich jemandem meine Kaffeetasse vor die Nase halte… 😉

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Mein Lieblingsfrühstücksbrettchen hat mich dann allerdings doch zum Lachen gebracht. Ich wusste schon, warum ich das unbedingt haben wollte. 😉

[Beitragsbild: erstellt mit Canva u. privat]

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