Gelesen|Pariser Chic von Ines de la Fressange. Und: Was hat es mit diesem „Je ne sais quoi“ auf sich?

Was fällt mir zu Ines de la Fressange ein? Ganz einfach: Wow, was für eine tolle und faszinierende Frau. Kein „Schau! Mal! Wie sexy und verführerisch ich bin“-Hascherl, das den Ausschnitt noch ein bisschen weiter runter und den Rocksaum noch ein bisschen weiter hoch zieht und sein American-Soap-Darstellerinnen-Mähnchen schüttelt und dabei versucht, total lässig und unverkrampft zu wirken. Die Fressange ist lässig und unverkrampft und strahlt genau das aus. Für mich gehört die mittlerweile 58-jährige zu den Frauen, die mir zeigen, dass eine phänomenale Wow-Ausstrahlung kein Vorrecht von 20-jährigen Styling-Klons ist – wenn frau gut auf sich achtet und mit sich im Reinen ist. Einen Sympathiebonus bekommt die Fressange von mir für ihre Aussage, dass sie den Alterungsprozess dadurch meistert, dass sie weniger in den Spiegel schaut. [1] Sehr sympathisch. Geht mir genau so – auf einem anderen Niveau. Ich bin also ein Fressange-Fan und musste mir logischerweise ihr Buch zulegen.

Das Buch: Da Ines de la Fressange für viele als der Inbegriff „der Pariserin“ gilt, ist es nur folgerichtig, dass sie einen Stil-Ratgeber namens „Pariser Chic – Der Style-Guide verfasst hat. Der Ratgeber umfasst 240 Seiten und gliedert sich in vier Kategorien:

  • Was trägt die Pariserin
  • Wie pflegt sich die Pariserin
  • Chez moi
  • Ines‘ Paris

Ich mag das Buch so gerne, dass ich es immer wieder zur Hand nehme. Es ist witzig illustriert, die Texte sind locker-flockig geschrieben und es ist mit tollen Fotos aufgelockert, so dass ich mich während des Schmökerns gleich ein wenig stylisher fühle. Klar auch, dass Ines de la Fressange das Rad nicht neu erfindet, sondern auf altbewährte Styling-Tipps setzt, den ich hier mal in eigenen Worten wiedergebe.

Der Stil der Pariserinnen…

  • Basics: Also Jeans, Blusen, weißes Herrenhemd, Pencilskirt, kleines und nicht so kleines Schwarzes, Kostüm und Hosenanzug, Cardigans, Pullover und Shirts – und zwar alles in möglichst hochwertiger und schlichter Ausführung, die nicht nach einem halben Jahr schreit „Ich bin von vorgestern!“ Ebenfalls ein Muss: Schuhe mit Wow-Effekt, die jedes Outfit drehen. Must-have: Ballerinas, Heels, Stiefel, derbe Boots, Stiefeletten, Espadrilles – halt alles von A-Z und das in der hochwertigsten Variante, die erschwinglich ist. Ebenfalls ein Muss: Accessoires von C – F, also von Cartier bis Flohmarkt.

 

  • Stilmix und Stilbruch: Niemals von Kopf bis Fuß auf ein Label setzen – egal ob Mango oder Missoni. Der Label-Einheitslook von Kopf bis Fuß ist ebenso tabu wie der komplett durchgestylte Look. Ein eher lässiges Outfit wird mit Hingucker-Heels oder einem Wow-Accessoire gepimpt, der elegante Look mit Jeansjacke oder lässigen Boots entschärft und das Designer-Teil mit einem Flohmarktfund kombiniert. Auch Regeln sind nur dazu da, um gebrochen zu werden. Pailletten trägt man nur abends und ein Abendkleid verlangt nach schwindelerregend hohen Absätzen? Die Französin beweist stilsicher, dass es auch anders geht.

 

  • Nicht sklavisch irgendwelchen Trends folgen – lieber selbst Trends setzen, die zum Typ passen. Und daran denken, dass sich vermeintliche Promi-Trendsetterinnen oft nicht selbst stylen, sondern stattdessen eine Stylistin engagieren, die wirklich Ahnung hat.

 

  • Finger weg vom „Milliardärsgattinnen-Look“. Funkelnde Brillis und exzessiv zur Schau gestellte Logos sind kein Zeichen für einen gelungenen Stil – es sei denn es ist Fasching und das Motto lautet: Verkleide dich als Fußballergattin.  Und so heißt es: Knallrote, perfekt lackierte Nägel und eine Armada von Ringen und Armbändern, die endlich mal Ausgang haben? Nicht an den Händen einer Französin. Denn was ist der Sinn eines Hinguckers? Genau. Man soll hingucken. Und das gelingt natürlich nur, wenn man den Hingucker überhaupt sieht, beziehungsweise ihn als solchen wahrnehmen kann. Die Französin weiß das und setzt Akzente. Toller Lack plus Hingucker-Ring oder Armband.  Kette oder Ohrringe. Minirock und Heels oder atemberaubender Ausschnitt. Weniger ist mehr und wenn der Betrachter vor Bling-Bling sowie tiefen Aus- und Einblicken nicht mehr weiß, wohin er zuerst schauen soll, steht er garantiert keiner Französin gegenüber.

 

  • Perfekt unperfekte Lässigkeit: Wer sich in seiner Kleidung wohlfühlt und sich darin bewegen kann ist denen, auf die das nicht zutrifft, immer um einige Ausstrahlungspunkte voraus.  Und den top durchgestylten Look – bei dem vom Nagellack bis zum kleinsten, reichlich zur Schau getragenen Accessoire – alles perfekt aufeinander abgestimmt ist und von einer mit Haarspray festbetonierten Frisur gekrönt wird, überlassen die Französinnen auch anderen. Perfekt ist’s nur, wenn’s unperfekt aussieht. Die Bluse ist ein wenig zerknautscht, das Haar sieht aus, als ob es nur kurz zurechtgewuschelt wurde, die Ärmel sind lässig hochgeschoben oder das Hemd zipfelt irgendwo raus. Der perfekt unperfekte Look suggeriert, dass er „nur mal eben übergeworfen wurde“, ohne dass frau zuvor drei Stunden vor dem Spiegel verbracht hat. Wie weit Wahrheit und Illusion da auseinanderliegen, weiß jede, die mal krampfhaft versucht hat, total lässig auszusehen.

 

  • Her mit den Herrenhemden! Beim nächsten Shopping-Trip auch einen Ausflug in die Männerabteilung machen. Schals oder weiße Herrenhemden (nicht Unterhemden!)  sind dort bisweilen günstiger und qualitativ hochwertiger als in der Frauenabteilung. (Warum eigentlich?!)

 

  • Ultimativer Shopping-Tipp von Ines, der mir bereits einige Fehlkäufe erspart hat: Frage dich beim Shoppen, ob du genau dieses Teil heute Abend gerne anziehen würdest – falls nicht, lass es hängen.

Kleiner Wermutstropfen: Die Syling-Tipps beschränken sich nur auf das erste Kapitel und das ist ein bisschen wenig.

  • Im zweiten Kapitel dreht sich alles um die „echt französische“ Pflege und hier gibt es nicht nur kostspielige Tipps, sondern auch den Hinweis darauf, dass Lebensfreude das ultimative Schönheitselixier ist (Beautybasic: mehrmals täglich herzhaft lachen) und unschöne Angewohnheiten wie das Stirnrunzeln mit sofortiger Wirkung einzustellen sind – ohne Botox, nur mit Willenskraft.

 

  • Der dritte Abschnitt „Chez moi“ widmet sich dem, was die Französin zu Hause treibt – nämlich Gäste empfangen und die Wohnung nett gestalten.

 

  • Im abschließenden Kapitel „Ines‘ Paris“ werden diverse Shops, Restaurants etc. vorgestellt und das hat eher Reiseführer-, denn Stilratgeber-Charakter.

Der ultimative Tipp für das legendäre „je ne sais quoi“, den wir uns alle mal hinter die Ohren schreiben: Die Französin zweifelt nicht an sich, sondern nimmt sich so an, wie sie ist. Sie weiß einfach, dass sie schön ist und strahlt genau das aus – wobei das, sind wir mal ehrlich, in diesem Fall keine allzu große Kunst ist. Wenn alle Welt permanent von den „schönen Franzosen“ redet, dann hält sich irgendwann auch der Glöckner von Notre-Dame für George Clooney. Denn so ein bisschen absurd ist es ja schon, „den Französinnen“ qua Geburt die ultimative Stylingkompetenz zuzusprechen. Aber offenbar funktioniert’s. 😉

Fazit: Für Fressange-Fans wie mich sicher ein Muss, zumal sie das Buch selbst illustriert hat. Auch Fashionistas die demnächst Paris unsicher machen und noch ein paar Shopping-Tipps gebrauchen können, werden ihren Spaß an diesem Style Guide haben, der eigentlich eher ein stylisher Travel- u. Shopping-Guide ist. Wer allerdings hofft, im Buch noch nie dagewesene Tipps zu finden, der wird sicher enttäuscht werden. 😉

Infos: 

  • Die Französin (* 11. August 1957) begann 1980 für Chanel zu modeln und wurde 1983 zu Karl Lagerfelds persönlicher Muse.
  • Die Zusammenarbeit mit dem Meister endete unschön. Fressange hatte es u.a. Brigitte Bardot und Catherine Deneuve gleichgetan und für Marianne – Freiheitssymbol und Nationalfigur der Französichen Republik  – Modell gestanden, deren Büste in verschiedenen Rathäusern zu bewundern ist. Der Meister selbst war von dem vermeintlich vulgären Verhalten seiner Muse weniger angetan, woraufhin beide getrennte Wege gingen. Den Grundstein für den Kult, der Models heute zu VIPs macht, hatten sie allerdings gelegt und über die „vulgäre Streitaxt“ ist mittlerweile auch Gras gewachsen. [2]
  • Heute ist das ehemalige Topmodel nur noch gelegentlich auf dem Laufsteg zu finden – so etwa 2008 für Gaultier oder 2010 für Lagerfeld– in der Modewelt ist Geschäftsfrau, Kolumnistin, Beraterin und Autorin Fressange allerdings noch immer eine feste Größe.

 

Infos & Leseklicks: 

[Beitragsbild: erstellt mit Canva u. privat]