mit-teilens-wert #4 Über Halbwissen, Aluminium und andere „böse“ Inhaltsstoffe…

Ich tue es manchmal, obwohl ich es eigentlich besser weiß. Ich führe mir eine vermeintlich seriöse Doku oder einen ebensolchen Bericht zu Gemüte, in dem eine neue Sau durchs Beauty-Dorf getrieben wird und bin empört. Und trage anschließend meinerseits in Form von Blogbeiträgen dazu bei, diese Sau noch weiter und noch schneller durchs Dorf zu treiben. Manchmal muss ich mich auch schwer zusammenreißen, um nicht missionierend und vermeintlich besserwissend in den Kommentaren durch die Blogosphäre zu ziehen, weil „der Rest der Unwissenden“ ja wohl offenbar noch nicht weiß, wie schädlich und böse bestimme Dinge sind! Aber ich weiß es jetzt! Weil ich ja diese Doku gesehen/diesen Bericht gelesen habe und voll informiert bin…

Wenn uns das Halbwissen um die Ohren fliegt…

Was kommt dabei raus? Nichts Gutes. Weil andere nämlich ebenso verfahren und prompt wächst diese gigantische Blase aus Halbwissen noch weiter an, bis sie uns schließlich um die Ohren fliegt und wir das Gefühl haben, nicht mal mehr atmen zu dürfen, weil uns selbst das töten wird. Nicht zu atmen ist allerdings auch keine Alternative. Was nun? Erstmal wieder durchatmen. Und sich dann einiges bewusst machen.

  • Nicht jeder, der schreiben kann, hat auch wirklich Ahnung von dem, worüber er da schreibt. Und gut gemeint (beste Absicht) ist nicht immer gut gemacht.
  • Einmal gewonnene Erkentnisse sind nicht für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Vielleicht ist die Welt irgendwann doch wieder eine Scheibe und wir fallen alle runter.
  • Es gibt keine allgemeingültige Wahrheit. Weder in Blogs noch in irgendwelchen anderen Medien. Denn:

 

Autoren, egal ob Blogger oder Journalisten, sind keine allwissenden Heiligen, sondern Multiplikatoren von Informationen, die durch die eigenen Erfahrungswelten eingefärbt sind.(Quelle: Konsumkaiser)

 

Eines meiner Lieblingszitate, denn so ist es: Multiplikatoren von Informationen – und mitunter eben blöderweise auch Multiplikatoren von Halbwissen oder völlig verqueren Ansichten (und da nehme ich mich nicht von aus), die gelegentlich allerdings sehr glaubwürdig rübergebracht werden. Was auch immer da jedoch verbreitet wird- es wird nicht zwangsläufig richtig, nur weil’s einem mehrmals täglich in verschiedenen Darreichungsformen auf drölfzig Blogs serviert wird. Fakt ist: Niemand hat die Weisheit mit Löffeln gefressen und es ist illusorisch zu glauben, dass ihr nur „diese eine“ Seite ansurfen müsst, auf der euch dann „die eine Wahrheit“ (die es eh nicht gibt) auf dem Silbertablett serviert wird.

Inhaltsstoffe: Was nun? Böse oder mehr davon?

 

Beim Thema der Inhaltsstoffe macht sich dieses Halbwissen besonders schön bemerkbar. Jeder hat eine Meinung – aber oft nicht mal den Hauch einer Ahnung. Die einen rattern einfach eine Pressemittelung runter (Alles super! Kannst du bedenkenlos nutzen!), die anderen ziehen beispielsweise Codecheck zurate (Alles böse! Du wirst daran zugrunde gehen!) und dann gibt es noch Mischformen, zu denen ich mich zähle. Da ich kein Chemiestudium absolviert habe, aber schon gerne wissen möchte, was ich mir auf den Körper schmiere, habe ich mich zeitweilig gerne auf Codecheck verlassen. Aber der alleinige Blick dorthin ist auch nicht optimal, denn:

Codecheck ist eine schlechte Seite um hautphysiologische Bewertungen einzuholen. Da geht es eher um Umweltvertäglichkeit und die Studien sind meist veraltet oder Inhaltsstoffe wurden in diesen in hohen Konzentrationen verwendet. Die Bewertungen sind oft nicht übertragbar auf Haut. (Quelle: Shenja von Incipedia in ihrem Post „Ich brauche keinen Sonnenschutz„)

Und nachdem ich mich selbst einige Zeit intensiv bei Codecheck umgesehen habe, neige ich dazu, dem zuzustimmen. Das Auflisten der einzelnen Inhaltsstoffe ist zwar schön und gut und wichtig, aber die Sichtweise dort ist mir zu einseitig und manchmal nicht ausreichend, weswegen eine „schlechtere Einstufung“ dort für mich nicht mehr zwangsläufig ein Ausschlusskriterium sein muss – natürlich abhängig vom bemängelten Inhaltsstoff und meiner persönlichen Präferenz.

Ist das die richtige Entscheidung? Keine Ahnung. Woher soll ich das wissen? Ein fehlerfreies Leben gibt es nicht und irgendeinen Preis müssen wir immer für unsere (nicht erfolgten) Handlungen bezahlen. Manchmal gleich, manchmal später. Aber die Rechnung kommt. Immer.

Aluminium: Steckt nicht nur im Deo. Und nun?

Ein interessantes Beispiel für die durch Halbwissen geschürte Panik ist für mich u.a. die Sache mit den hormonell wirksamen Inhaltsstoffen. Ja, die gibt es. Aber schon mal was von Phytohormonen gehört? Stecken u.a. auch im Granatapfel, in Soja, in Süßkartoffeln, im Bier oder im Wein. Oder Aluminium – das ist böse. Schon klar. Aber wusstet ihr das?

Der Mensch nimmt Aluminium hauptsächlich über Lebensmittel und Trinkwasser, aber auch über aluminiumhaltige Verbraucherprodukte wie Geschirr oder Lebensmittelverpackungen, kosmetische Mittel wie aluminiumhaltige Antitranspirantien oder Arzneimittel in den Körper auf. […]Bei gesunden Menschen wird Aluminium über die Nieren ausgeschieden. […]Aber auch bei gesunden Menschen reichert sich das Leichtmetall im Laufe des Lebens im Körper, vor allem in der Lunge und dem Skelettsystem, an. […]Die Aluminiumaufnahme über Antitranspirantien wird vor allem gesenkt, indem diese nicht unmittelbar nach der Rasur bzw. bei geschädigter Achselhaut auf die Haut aufgebracht werden

(Quelle: Bundesinstitut für Risikobewertung, Fragen und Antworten zu Aluminium in Lebensmitteln und verbrauchernahen Produkten)

Wundert mich, dass aluminiumhaltige Deos zwar angeprangert werden (ich nehme selbst auch eine aluminiumfreie Variante), aber kaum jemand was gegen  Alufolie oder Grillschalen aus Alu sagt. Folgt ruhig mal dem Link zum Bundesinstitut für Risikobewertung, die stehen da auf sechs Seiten Rede und Antwort zum Thema Aluminum. Und weil ich nie nur einer Quelle glaube, gibt es gleich noch die Links zu einem Schwung spannender und höchst informativer Posts zu diesem und anderen (auch schon von mir) verteufelten Inhaltsstoffen. Weil es eben immer mehrere Sichtweisen gibt und entscheidend ist, welche Prioritäten ihr setzen wollt/müsst/könnt.

Besonders ans Herz legen möchte ich euch die Serie „Dichtung und Wahrheit“, in der sich Adelsblass & Kunterbunt (promovierte Molekularbiologin) als Gastautorin auf dem Blog der blasse Schimmer ausführlich mit folgenden Inhaltsstoffen beschäftigt:

Und noch mehr zum Thema:  

Was diese Linksammlung sein soll: Eine Brücke zwischen hirnlos abgetippter PR und auf Halbwissen basierender Panikmache.

Was diese Linksammlung nicht sein soll: Ein Aufruf dazu, sich nun bedenkenlos alles ins Gesicht zu schmieren und nicht darauf zu achten, ob und was für Folgen die Inhaltsstoffe für Körper und Umwelt haben. Auch ist sie kein Plädoyer für Aluminium in Deos & Co und darum möchte ich euch Tinas Post nicht vorenthalten. Sie hat nämlich Alternativen zu herkömmlichen Deos getestet und Deocremes in zauberhaftem Vintage-Look sowie T’eo unter die Lupe genommen. Was daraus geworden ist, lest ihr hier. Ich möchte jetzt eine von diesen Deocremes haben, alleine schon wegen der süßen Döschen! Und nein, ich habe noch nicht auf die INCIs geschaut, sondern einfach nur die Dose bewundert. So hirnlos bin ich manchmal und ich steh dazu. 😉

P.S: Was bedeutet das für mich und dieses Blog? Ich werde zwar weiterhin verschiedene Kosmetikprodukte testen, aber hier bewusst nicht mehr INCI-missionierend durch die Gegend ziehen. Es gibt Menschen, die von der Materie wesentlich mehr Ahnung haben als ich und Panikmache findet ihr genug im Netz – ich möchte mich daran nicht beteiligen. 😉


[Beitragsbild: erstellt mit Canva u. privat]

Ein Kommentar zu „mit-teilens-wert #4 Über Halbwissen, Aluminium und andere „böse“ Inhaltsstoffe…

Kommentare sind geschlossen.