Die unschönen Seiten der Schönheit und hässliche Vergleiche.

Heute habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit (also seit einigen Wochen) gedacht: „Alter Schwede, siehst du gut aus!“ Ich war sogar ein bisschen verliebt in mich und das kommt wirklich selten vor. Also eigentlich so gut wie nie. Blöderweise war das, was ich da anhimmelte, ein Selfie. Und zwar ein Selfie, das ich zuvor gnadenlos durch YouCam gejagt habe – eine App, die schöner macht. Tja. Blöd gelaufen. Und nun? Verkehre ich eben nur noch online, weil ich da nämlich… ähem… so schön bin, dass ich auf Instagram bestimmt wieder dubiose Privatnachrichten bekomme. Das hat ja stark nachgelassen, seitdem ich nur noch Blümchen, Kaffeetassen, Graffitis oder Warnemünde-Throwbacks poste. Theoretisch sollte ich die App also wohl vom Smartphone werfen, allerdings bringe ich das nicht übers Herz. Weil sie mich an bösen Tagen aufrichtet. An Tagen, an denen ich mich nicht schön fühle, es aber unbedingt sein möchte.

 

Die Sache mit der Eigen- und der Fremdwahrnehmung…

 

Erinnert ihr euch noch an den rührseligen Dove-Werbeclip  Real Beauty Sketches, für den ausgerechnet ein Mann verantwortlich ist, der uns Frauen zeigt, wie schön wir sind? Okay, der Clip drückt arg auf die Tränendrüse, am Ende bleibt dennoch eine Frage: Warum klaffen zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung so große Lücken? Ich würde mich selbst ja gerne davon aussnehmen, aber siehe oben. Es ist mir leider nicht möglich. Tatsächlich habe ich immer mal wieder Phasen, in denen ich denke: „Hey, du siehst eigentlich ganz okay aus (für dein Alter. Könnte schlimmer sein).“ Und kaum denke ich das, kommt mir garantiert irgendeine Super-Beauty unter und ich möchte mir die Decke über den Kopf ziehen – obwohl ich seit jeher der Meinung bin, dass äußere Schönheit alleine schnell langweilig wird, wenn die Füllung nicht stimmt.

 

Vergleiche: Wenn sich der Autopilot einschaltet…

 

Da ist es wieder… dieses Vergleichs-Ding. Mit klarem Verstand käme ich niemals auf die Idee, mich mit anderen Frauen zu vergleichen – schon gar nicht mit denen, die nur halb so alt sind wie ich und Modelmaße haben. Ich weiß sehr wohl, dass der Vergleich der erste Schritt ins Unglück oder in einen monströsen Frustfressanfall ist. Aber dummerweise macht der Verstand ja auch nicht immer das, wofür ich ihn angeheuert habe und damit stehe ich nicht alleine da. Wenn wir alle so kluge Wesen wären, würden ganze Berufszweige mit einem Schlag überflüssig werden. Mein Verstand zumindest klinkt sich öfter mal aus und lässt dann direkt den Autopiloten machen. Und dann kann ich eigentlich nur beten, dass keine Schokolade im Haus ist oder dass das „Internet kaputt ist“, so dass mir die Frustshopperei verwehrt bleibt. Zur Ehrenrettung meines Unterbewusstseins muss ich erwähnen, dass es ja nicht absichtlich gegen mich arbeitet. Es kommt halt einfach nur nicht mehr mit dem klar, womit es ständig konfrontiert wird. Habe vor einiger Zeit das Buch Wir Schönheits-Junkies: Plädoyer für eine gelassene Weiblichkeit gelesen und darin wird recht schonungslos dargelegt, warum es uns Frauen [unbewusst?!] immer schwerer fällt, uns selbst so zu akzeptieren, wie wir sind und genau darum fällt ein Clip wie der obige auf fruchtbaren Boden.

 

Du darfst heute alles sein – nur nicht unattraktiv…

Frauen dürfen hierzulande fast alles sein. Sie dürfen Karriere machen oder nicht (wobei das „nicht“ heute auch immer schwieriger wird, besonders dann, wenn frau sich bewusst für die Familie entscheidet, dann ist sie nämlich schnell ein „dummes Heimchen am Herd, das sich in die Komfortzone zurückzieht“, ein Unternehmen managen, zum Mond fliegen oder alleine in den Urlaub und Sex haben wie ein Kerl (siehe Sex and the City) – nur eines dürfen sie nicht: Dabei nicht gut aussehen. Hier kommt der Medieneinfluss ins Spiel, der uns seit Jahren mit dem bombardiert, wie die „perfekte Frau“ zu sein hat. Und das hat langsam Folgen.

In Frauenzeitschriften und Onlinemagazinen wird uns die Superfrau präsentiert, die nicht nur Kind und Karriere locker auf die Reihe kriegt, sondern die dabei selbstverständlich auch noch wie ein Model aussieht. Und Instagram scheint die Zweigstelle all dieser weiblichen Wunderwesen zu sein – zumindest abhängig davon, wo man versehentlich landet. Film und Fernsehen haben – wen wundert’s? – leider auch keine gescheiten Role Models parat. Die erfolgsverwöhnte FBI-Agentin absolviert ihre mörderischen Tage in High Heels und mit perfekt sitzendem Haar und die Geisterflüsterin Melinda Gordon (bei der ich immer wie ein kleines Mädchen seufzen möchte: „Oh Melinda, du bist sooo hübsch!“)setzt noch eins drauf, indem sie in weißen Gewändern durch die Katakomben kriecht und hinterher trotz allem so aussieht, als käme sie gerade von einem Vogue-Shooting. Die brillante Chirurgin rettet mal eben ein paar Leben und nebenbei diverse Beziehungen in ihrem Umfeld, sieht dabei natürlich 24/7 atemberaubend gut aus und ist rundum perfekt – wäre da nicht diese winzigkleine Schwäche für die Familieneispackung, die sie abends vor dem Fernseher auslöffelt und mit der sie uns Normalfrauen zeigt ‚Hey, schaut her! Ich bin eine von euch!‘ Irritierenderweise sind die Ladys auch irgendwie „alterslos“. Von hinten könnten sie von Style, Frisur und Figur her für 20-Jährige gehalten werden, vorne zeigen sie oft dieses typische Kunstgesicht der Altersklasse 39 – 60+, das in US-Serien oft anzutreffen ist.  Das Frauenbild in Werbeclips, Musikvideos, Flyern?! Ach… reden wir nicht davon. Reden wir auch nicht davon, welche Rollen für ältere Frauen übrigbleiben…

Und es wirkt schon…

Wie bitte? Das ist doch alles nur Fake, Film und Werbung? Ja… schon klar. Ich weiß das und ihr wisst es auch. Aber an meinem Unterbewusstsein prallt das nicht einfach so ab. Und fragt mal, wie es den Heranwachsenden geht, die nur noch mit solchen „Vorbildern“ konfrontiert werden (und machen wir uns nichts vor: die Messlatte für den „Super“Mann liegt mittlerweile ebenso hoch). Das bleibt nicht ohne Folgen. Im Buch Wir sind schön von Christiane Zschirnt heißt es:

„Wenig verunsichert die gestandene Powerfrau so sehr wie die Befürchtung, nicht gut auszusehen. Nichts kränkt das Alphamädchen so sehr, wie in den Verdacht zu geraten, nicht sexy zu sein. Kaum etwas setzt der „starken Frau“ so stark zu wie ein sichtlich geblähter Bauch.“

In Gesprächen gaben alle der „ganz normalen“ Frauen zu, dass der Zwang, „schön sein zu müssen“ für sie eine Einschränkung der Lebensqualität bedeuten würde. [1] Der Sommer wird nicht mehr vorrangig mit Leichtigkeit, Freude, Sonne und Spaß in Verbindung gebracht, sondern mit: Maniküre und Pediküre, Diät und Sport, um in den leichten Sommerklamotten eine gute Figur zu machen, waxen/rasieren und Überlegungen, wie frau den perfekten Bronzeton für kurze Kleidchen erreicht. Gedanken, die mir nicht fremd sind. Leider.

 

Ein wenig unschöne Schönheitstheorie…

 

  • Falsches Idealbild: Wir laufen alle einem Idealbild hinterher, das wir doch nie erreichen können, weil die Messlatte immer höher gelegt wird – ästhetische Chirurgie und Bildbearbeitung machen es möglich. Und die Kombination aus den uns heute zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Gedanken wie „Jede(r) kann schön sein – du musst dich nur mehr anstrengen“ oder „Warum lässt du nicht was machen?“ gibt uns den Rest.
  • Bambi lässt grüßen: Als anziehend gelten Frauengesichter, die zugleich Kindlichkeit und Reife ausstrahlen, denn das signalisiert zum einen Jugendlichkeit, weckt aber andererseits den Beschützerinstinkt. Das zarte Rehlein mit großen Augen, vollen Lippen und einer kindlich zarten Kinnpartie ist im Gesicht einer reifen Frau nur schwer zu finden und so wundert es nicht, dass in verschiedenen Tests die Gesichter am besten abschnitten, denen am Computer ein 10-50%iger „Kindchenanteil“ beigemischt wurde. [2] 
  • Morphing-Queen: Unabhängig vom Kindchenschema sind die Computergesichter den normalen Gesichtern generell haushoch überlegen. Grund: Die künstlich erzeugten, mehrmals übereinandergelegten Gesichter [Morphing] haben eine so perfekte und ebenmäßige Haut, wie sie selbst der beste Make-up-Artist nicht hinbekommt.[3] Immerhin wird mittlerweile die Werbeaufsicht aktiv und so gibt es irreführende Werbekampagnen, die aus dem Verkehr gezogen werden. Julia Roberts erwischte es ebenso wie Christy Turlington und  Rachel Weisz. Vergehen: zu glatte Haut.
  • Echt falsche Körperdarstellung: Nicht nur die Gesichter werden überoptimiert. Auch beim Körper meint man es immer öfter ein wenig zu gut. Da wird digital nachbearbeitet, was das Zeug hält und so erscheinen einige Körperpartien unnatürlich gerundet, während die Grazien nicht mal in sitzender Position einen Bauchansatz zeigen. Gut, die Model sind gertenschlank, aber das grenzt schon an ein (digitales) Wunder…
  • Und Schönheit ist doch messbar: Im Gegensatz zu mir können Attraktivitätsforscher über Weisheiten wie „Wahre Schönheit kommt von innen“ oder „Schönheit ist relativ“ nur lachen, weil Attraktivität ihrer Auffassung nach keine Frage der Selbstwahrnehmung oder des Wohlfühlens ist. Attkrativ ist lediglich eine Frau, die aufgrund des Alters und der perfekten Körpermaße dem gängigen Schema entspricht. Und da ist die Rede von: 90-60-90, dem waist-to-hip ratio (WHR), der einen Wert von 0,7 nicht überschreitet und „P*orn Sexiness“.

 Soviel zur Theorie, die ich praktisch echt frustrierend finde…

 

Daraus folgt, dass ich nicht attraktiv bin. Zum einen entspreche ich nicht dem Medienbild der „perfekten Frau“ und zum anderen passe ich nicht ins Zahlenraster. Durchgefallen in allen Punkten. Gut möglich, dass mein Unterbewusstsein das sehr genau weiß und mir darum immer wieder in die Parade fährt. Zumal diese Reizüberflutung auch unsere Sehgewohnheiten verändert:

„Für unvollkommene Körper schwindet die Akzeptanz“, schreibt Waltraud Posch in Projekt Körper. „Die sogenannte Creme der Gesellschaft ist heute nicht immer, aber tendenziell fit, schlank und attraktiv. Mit anderen Worten: Die Elite des beginnenden 21. Jahrunderts oder wer zu ihr gehören will, ist tendenziell schön. Heute ist ein dicker Bauch Ausdruck falschen Konsumverhaltens falscher Lebensweise, falscher Entscheidungen, mangelnder Kontrollfähigkeit und damit mangelnder Managementfähigkeiten. (Quelle: „Neuland“, Ildikó von Kürthy, S. 263)

Die Dauerstimulation durch schöne Gesichter, schöne Körperteile und seidiges Haar ist etwas völlig Neues in der Menschheitsgeschichte. Unsere jagenden und sammelnden Vorfahren lebten in kleinen Gruppen zusammen. Sie lernten in ihrem Leben nicht mehr als fünfhundert unterschiedliche Gesichter kennen und darunter nur sehr wenig schöne. Wir lieben, was wir sehen. Mogli findet Affen schön. Eidechsen stehen auf Eidechsen, Opossums auf Opossums. Und ich bin kurz davor, Ugg-Boogs nicht länger für eine absurde Geschmacksentgleisung zu halten. So weit ist es schon gekommen!  „Sie können nicht verhindern, dass Sie mit der Zeit Toleranz entwickeln gegenüber gebotoxten und gelifteten Gesichtern“, hat mir Ulrich Renz prophezeit. […] „Natürlich setzt es jeden von uns unter Druck, wenn es normal ist, mit fünzig auszusehen wie mit vierzig. So alt auszusehen, wie man ist, wird dann zum Stigma, und das Alter zu einem behandlungsbedürftigen Zustand. Ein Hängebusen wird uns vorkommen wie früher ein Kropf. Wir steuern auf ein Rattenrennen zu, in dem es keine Sieger geben wird.“(Quelle: „Neuland“, Ildikó von Kürthy, S. 275)

Tja. Keine schönen Aussichten. Ein bisschen beruhigend im Sinne der Schadenfreude ist lediglich das Wissen, dass selbst diejenige, die jetzt scheinbar perfekt ist, diesen Zustand doch nicht konservieren kann und er gewissermaßen nur eine Leihgabe ist. Der Alterungsprozess und die damit einhergehenden Veränderungen lassen sich nunmal nicht stoppen. Aber mal ehrlich, was bringt mir als Normalfrau dieses Wissen, zumal Schadenfreude so einen echt hässlichen Zug um den Mund macht? Also gleich einen Sack überziehen und alle Spiegel verhängen? Muss nicht sein.

 

So lässt sich die Attraktivität nachweislich steigern…

Vergesst alles, was ihr bisher gelesen und gesehen habt und tretet denen in den Allerwertesten, die es wagen, euch daran zu messen! Und nun nutzt eure Gesichtsmuskeln: Mundwinkel hoch – nennt man lächeln – Augenbrauen auch noch’n bisschen hochziehen und schon wird frau vom Gegenüber als Freund eingestuft und das erhöht nachweislich die Attkrativität. Klar, wer möchte sich schon mit einem zickigen Kampfschwein einlassen?! Interessanterweise wird vor allem der so genannte Augenbrauenblitz – also das leichte Hochheben der Augenbrauen – extrem positiv aufgenommen, weil es als Willkommensgeste interpretiert wird. Tja, da sieht jedes emotionslose Kunstgesicht alt aus. 😉

Weil mir dieses charmante und zauberhafte Lächeln so gar nicht gegeben ist, arbeite ich gerade am Augenbrauenblitz, denn das Augenbrauenhochziehen beherrsche ich hervorragend. Dummerweise interpretiert mein Umfeld diesen Akt der Attraktivitätssteigerung komplett falsch und fühlt sich zu 99,9% auf den Schlips getreten. Muss da wohl noch’n bisschen üben. Und falls alle Strick reißen, kann ich immer noch auf innere Werte setzen. Mag ja sein, dass die im Buch als „Po*rn Sexiness“ bezeichnete Optik bald das Maß aller Dinge wird und ein nicht vom Beautydoc optimiertes Gesicht eines Tages nur noch die Frage hervorruft: „Aber warum lässt du denn dagegen nichts machen? Heute muss niemand mehr „so“ rumlaufen…“

 

Diese „heißen Vierzigerinnen“ gehen  mir auf die Nerven.

 

Aber ich bin davon überzeugt, dass es noch ein paar andere Stellschrauben gibt, an denen Frau drehen kann und dass wir uns irgendwann wieder nach „echten“ Menschen sehnen – auch und gerade auf der Leinwand. Menschen mit Falten, Furchen und grauen Haaren (sorry, da bin ich derzeit noch raus, aber auch das kommt irgendwann). Und nicht immer nur diese künstlich konservierten Endvierzigerinnen und Anfangsfünzigerinnen, die uns „normalen Frauen“ als das Maß aller Dinge vorgehalten werden. Sehr gerne in Bilderstrecken, die „40 ist kein Alter – 40 ist sexy“ oder so ähnlich lauten. Sowas ödet mich an. Weil ein Großteil dieser Frauen (Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel!) für mich weder Laissez-faire noch Lebensfreude ausstrahlt, sondern viel mehr ein lebendes Mahnmal dafür ist, was mit knallhartem Training, merkwürdigem Essverhalten und anderen Mittelchen möglich ist. Und die Zielvorgabe der „heißen Vierzigerinnen“ ist klar: So lange wie möglich so jung wie möglich aussehen.

Ich möchte nicht so lange wie möglich jung aussehen. Ich möchte aussehen wie eine Frau, die ihr Leben lebt und liebt (ich arbeite dran), die mit sich im Reinen ist (daran arbeite ich auch) und die überhaupt nicht über ihr Alter nachdenkt – weil sie viel zu sehr damit beschäftigt ist, das Leben zu genießen und Lachfältchen zu sammeln. 😉

 

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Beitragsbild: erstellt mit Canva u. privat]

Kommentare machen das Bloggen bunter und ich freue mich, wenn ich hier keine Selbstgespräche führen muss. ;)

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