Yoga ist gefährlich? Unachtsamkeit auch.

Yoga kann – Überraschung! – auch unerwünschte Nebenwirkungen nach sich ziehen. Da ist die Rede von „die dunkle Seite von Yoga“, von „Om und Aua“ oder davon, wie Yoga den Körper ruinieren kann. Ins Rollen kam die Sache vor einigen Jahren durch William J. Broad (52, Wissenschaftsjournalist der „New York Times“) und sein Buch „The Science of Yoga“. Broad erlitt beim Yoga einen Bandscheibenvorfall, stieg noch tiefer in die Materie ein und kam zu der Erkenntnis, dass Yoga gefährlich ist. Es drohen Nervenblockaden, Gelenkverletzungen, Rippenbrüche und sogar Schlaganfälle. Im ersten Moment war ich verwirrt und dachte aufgrund meiner schmerzenden Schulter sofort daran, zum Pilates zu wechseln. Nach der ersten Schrecksekunde schaltete ich mein Hirn wieder ein.

Was ist Yoga eigentlich… nicht? 

Radeln ist auch gefährlich. Und das Schwimmen erst! Lebensgefährlich! Besonders für so bleierne Enten wie mich. Es ist sogar gefährlich, die Straße zu überqueren – vor allem dann, wenn einem niemand beigebracht hat, welche Risiken im Straßenverkehr lauern. Zeit, sich mal wieder ins Bewusstsein zu rufen, was Yoga überhaupt ist. Denn das kann man angesichts der Bilderflut, die vor allem junge, hippe und sehr gelenkige Menschen zeigt, ja leicht vergessen. Oder fragen wir uns doch lieber besser gleich, was Yoga nicht ist: Yoga ist kein Wettbewerb. Es geht nicht um „höher, schneller, weiter“ oder darum, so schnell wie möglich Knackpo und Bikinifigur zu bekommen, wenngleich das angenehme Nebenerscheinungen sein mögen. Yoga ist eine Lehre in Achtsamkeit – auch in körperlicher. Oder um es mit den Worten der Yogalehrerin Maya Fiennes aus ihrem Buch Yoga for Real Life! zu sagen:

„Yoga ist kein Wettbewerb! Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie benötigen. Es geht keinesfalls darum, uns mit schmerzverzerrtem Gesicht zu kasteien. Sie kennen Ihren Körper am allerbesten. Gehen Sie sanft mit ihm um und nehmen Sie sich Zeit. Folgen Sie meinen Anweisungen und tun Sie nur, so viel Sie können. Machen Sie sich stets bewusst, dass es zuallererst um den Atem, die Entspannung und den Fokus geht. Es ist nicht sinnvoll, den Körper in eine Haltung zu zwingen, zu der er noch nicht bereit ist.“ (Yoga for Real Life)

Auf Biegen und Brechen… 

Es ist also kein Yoga, wenn sich untrainierte Büromenschen sofort auf Biegen und Brechen [das ist wörtlich zu nehmen] in die schwierigsten Verrenkungen werfen oder gleich den Kopfstand lernen möchten. Das hat mit Achtsamkeit so viel zu tun wie ein Nilpferd mit einer Ballerina. Achtsamkeit bedeutet, dass ihr auf euren Körper hört. Habt ihr Schmerzen während der Übung, dann hört ihr sofort auf. Habt ihr dauerhaft Probleme mit einer Übung, dann ist es vielleicht nicht die richtige für euch, weil sie möglicherweise einfach nicht zu euch und eurem Körper passt. Genau hier lag übrigens auch mein Fehler. Ich wollte mich auf Teufel komm raus ins seitliche Brett zwingen und die Position so lange wie möglich halten – obwohl meine Schulter mir zu verstehen gab, dass sie immer noch an den Liegestützen der Vortage knabbert. Klar habe ich es ins seitliche Brett geschafft und tags darauf das Zwicken in der Schulter ignoriert und stattdessen jeden Tag weitergeübt, weil es mir Spaß machte. Bis meine Schulter deutlicher aufgemuckte und mich zum Pausieren zwang. Und genau diese Art der Unachtsamkeit ist weit verbreitet:

„Heikel ist, wenn die Menschen ihre körperlichen Grenzen nicht kennen, und der Yoga-Lehrer sie auch nicht sieht“, sagt Angelika Beßler, Vorstandsvorsitzende des Berufsverbandes der Yoga-Lehrenden in Deutschland (BDY). „In den Medien wird Yoga häufig mit super beweglichen schlanken jungen Menschen dargestellt, die im Bodysuit herumhüpfen. Wer dieses Bild im Kopf hat, kann Probleme bekommen.“ Ebenso kritisch sei, wenn der Leistungsdruck vor der Yoga-Stunde nicht Halt mache. Der Blick auf die Nachbarmatte, der Gedanke: Pah, das schaffe ich auch! [Quelle]


Yoga-Lehrerin Patricia Thielemann sagt: „Der Deutsche an sich ist eher verkürzt, aber ehrgeizig. Wollen Menschen mit dieser Disposition Yoga machen, brauchen sie eine sehr individuelle Anleitung, um sich nicht zu überfordern und doch in die Tiefen vorzudringen.“ Diese Tiefen sind für untrainierte Schreibtischtäter nicht über Kopfstand, Lotussitz oder Variationen extremer Rückwärtsbeugungen zu erreichen.

 „Krankmacher“-Übungen nicht nur im Yoga

Umso erstaunlicher, dass Übungen wie der Kopfstand oder andere Herausforderungen zum Teil auch auf Yoga-DVDs zu finden sind, die sich explizit an Anfänger richten. Und auch im Workoutbereich tummeln sich verschiedene Übungen, die von der Techniker Krankenkasse mittlerweile schlicht als „Krankmacher“ bezeichnet werden:

„Trainingswissenschaft, Sportmedizin und Krankengymnastik haben sich in den letzten Jahren intensiv mit gymnastischen Übungen beschäftigt. Viele der traditionellen Übungen sind dieser Überprüfung zum Opfer gefallen, weil deren Schädigungsmöglichkeiten größer sind als der Übungseffekt.“

Wenn ihr genau wissen möchte, welche Übungen das sind, könnt ihr bei der TK kostenlos das Übungsposter „Besser trainieren“ anfordern. Und wer nun glaubt, dass unter fachlicher Anleitung zwangsläufig alles besser ist, könnte im schlimmsten Fall ebenfalls schmerzhafte Überraschungen erleben. Yogalehrer kann sich nämlich jeder nennen, da der Begriff nicht geschützt ist. Und auch in so manch einer Rehasportgruppe oder bei manch einem Physiotherapeuten (also bei denen, die es wirklich wissen sollten) werden die Übungen einfach nach dem Gießkannenprinzip über alle Teilnehmer geschüttet, anstatt sie passgenau und den individuellen Erfordernissen entsprechend auszuwählen. Und darum gilt auch hier: Setzt bitte auf euren gesunden Menschenverstand und registriert die Signale eures Körpers.

Denn genau das ist es, was euch auch der beste Lehrer nicht abnehmen kann: Die Achtsamkeit, in euren Körper hineinzuhören und darauf zu achten, wie er auf bestimmte Übungen [alternativ: Nahrungsmittel, Menschen, Situationen] reagiert. Oder wie es Mandy Ingber in ihrem Yogalosophy-Workout so treffend sagt:

„Weiter als bis hierhin komme ich nicht und ich versuche es auch nicht, weil es nicht gut für mich ist.“

Und was gut für euch ist, findet ihr mit dem nötigen Maß an Achtsamkeit am besten selbst heraus – idealerweise natürlich unter Anleitung von jemandem, der sein Handwerk versteht.

Weil’s so schön zum Thema passt, verweise ich auch auf die GEO kompakt mit DVD(Nr.46) und dort natürlich besonders auf den sehr lesenswerten und ausgewogenen Yoga-Artikel. Hervorgehoben werden nicht nur die zahlreichen positiven Aspekte, die Yoga mit sich bringt, sondern auch die Gefahren. Etwa die Tatsache, dass bestimmte Körperpartien (Nacken, Schultern, Knie, Lendenwirbelsäule) yogaunfallgefährdeter sind, bestimmte Übungen bereits bestehende Erkrankungen verschlimmern können (z.B. der Kopfstand das Glaukom) oder für manche Menschen schlicht ungünstig sind (z.B. Lotussitz bei zu steifer Hüfte).

P.S: Was die dazugehörige DVD angeht, kann ich euch nur verraten, dass der Junior (ausgesprochen trainingserfahren) sehr von den gut verständlichen, die Hantelübungen betreffenden Erklärungen angetan war.



Info & Leseklicks:

Einen kleinen Überblick hinsichtlich der „Krankmacher“-Übungen findet ihr hier: Hitliste der „Krankmacher“ Übungen. Aber das ist, wie gesagt, nur ein kleiner Überblick und das Poster gibt’s kostenlos bei der TK. [Sollte ich erwähnen, dass es sich hierbei nicht um einen Sponsored-Post handelt? Ich mach das mal. ;)]

2 Kommentare zu „Yoga ist gefährlich? Unachtsamkeit auch.

  1. Hallo! Ein sehr interessanter, gut recherchierter Artikel! Dazu kann ich sagen, dass ich, täglich sportlich unterwegs und nicht gänzlich unfit, trotzdem bereits am ,,Morgengruß“ scheitere. Überhaupt gibt es Menschen, die besser kein Yoga betreiben sollten, zu denen ich leider gehöre. Weil sie nicht meditieren, sondern einschlafen… und Einklang mit der Natur besser in der Natur im Stadtwald finden als im Yogastudio mit einer Kerze an…. Obwohl ich diese Yoga Gut-Menschen ehrlich aus tiefster Seele bewundere, kann ich leider nicht beanspruchen, einer zu sein! Alles Liebe und Euch ein wunderschönes Wochenende, Nessy (happyhealthytrendy.com)

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    1. Danke! Das geht runter wie Öl. 😉

      Ich habe ja lange Zeit selbst Yoga gemacht, allerdings ohne dieses „Kerzen/Om“- Gedöns. Aber mittlerweile bekomme ich das auch nicht mehr hin, weil es derzeit scheinbar nicht passend für mich ist. Menschen ändern sich halt und das, was vorher gepasst hat, tut es plötzlich nicht mehr. Leben eben. 😉

      Lieben Gruß!

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