Leben| Über das Bewahren der alltäglichen Leichtigkeit

aIch weiß nicht mehr, wann es anfing. Aber seit einigen Jahren denke ich beim Anschauen der Nachrichten oder beim Überfliegen der Zeitung regelmäßig: „In was für einer kranken Welt leben wir eigentlich?“ Ich denke das, wenn mir mal wieder bewusst wird, dass wir uns so benehmen, als wären wir die „Wanderheuschrecken“ aus Independence Day. Wir lassen es zu, dass Regenwälder gerodet werden, damit man uns „billiges“ Palmöl in Pizza, Creme und Lippenstifte manscht. Oder dass übermüdete und unter“bezahlte“ Näherinnen, die unsere Klamotten fertigen, von Fabriktrümmern begraben werden. Dass Menschen verdursten, weil sie keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Und Kinder auf der Suche nach einem sicheren Ort im Mittelmeer ertrinken. Oder dass irgendwo auf dieser Welt Menschen gequält und vertrieben werden, weil es irgendwem in den Kram passt, während wir uns zurücklehnen, weil es ja sooo weit weg ist und uns nicht betrifft. Bis es uns dann eben doch betrifft.

Ich darf erst glücklich sein, wenn alles perfekt ist…

Die Masse an üblen Nachrichten, die täglich  auf einen einprasselt,  bleibt natürlich nicht folgenlos. Und so habe ich mir eine Zeit lang eingeredet, dass ich erst dann glücklich sein darf, wenn alles gut ist. Und mit alles ich meine alles: mein Leben, das Leben derjenigen, die ich mag und das Leben derjenigen, denen man Nachrichten und anschließende Brennpunkte widmet. Irgendwann  ging mir das Licht auf, dass ich da ziemlich lange warten kann. Weil ja immer irgendwas ist. Bei irgendwem und irgendwo. Da wurde ich zickig, missgünstig und ein bisschen unleidlich. Und unglücklich sowieso – weil ich ja nicht glücklich sein durfte oder konnte, wenn es irgendwem auf dieser Welt schlecht geht.

 Alles Hohlbirnen mit Markentassen und Nagellack-Spleen

In dieser Zeit gingen mir diese blitzsauberen „Das Leben ist ein einziger Ponyhof und wenn ich furze, riecht es nach Maiglöckchen“-Blogs mächtig auf die Nerven. Denn: Wie kann man angesichts all dieses Elends in der Welt keine anderen Sorgen und Probleme haben als die, die hundertste Teetasse von „der richtigen Marke“ zu kaufen?! Oder den zehntausendsten Nagellack?! Oder eine Shopping-Haul nach der nächsten zelebrieren?! Wie einfältig muss man sein, um so drauf zu sein? Da ging mir plötzlich das Licht auf, dass ich diejenige bin, die einfältig ist. Es ist mehr als naiv zu glauben, dass jemandem, der 30, 40 oder 50 Jahren auf dem Buckel hat, bisher nur Puderzucker in den Allerwertesten geblasen wurde und er frei von Problemen, Sorgen und Ängsten jeglicher Art auf einer rosafarbenen Wolke schwebt. Jeder schleppt sein Päckchen mit sich rum – meist sogar mehrere und einige von ihnen sind so hässlich, dass wir sie eigentlich niemandem zeigen wollen. Während einige jedoch den Inhalt der Päckchen wieder und wieder vor versammelter Mannschaft inspizieren, tun andere das im Verborgenen und widmen sich vordergründig Teetassen oder Shampoos und Gesichtscremes. Das mag mich im ersten Moment irritieren – allerdings bin ich raus aus der Phase, in der wir uns beim Versteckspiel die Hände vors Gesicht hielten und dachten, dass uns keiner sieht, weil wir ja auch nichts sehen. Und es besteht ja auch überhaupt keine Notwendigkeit, sich eigenhändig ein Loch in die Fassade zu meißeln und alle durchschauen zu lassen, als wären wir beim Tag der offenen Baustelle. Wenn ich der Meinung bin, dass es nur das gibt, was ich sehe, dann sagt das mehr über mich aus, als über die Person, die nur bestimmte Facetten von sich zeigt.

Nimm’s nicht schwerer als nötig – (m)ein Zeichen der Rebellion

Alltägliche Leichtigkeit – auch wenn sie manchmal vielleicht nur oberflächlich und aufgesetzt ist und es hinter der Fassade ganz anders ausschaut – ist (m)ein Zeichen der Rebellion. Gegen das Graue(n), das mich immer wieder überfällt, wenn ich die Nachrichten anschaue oder beim Abrufen meiner Mails mit News geflutet werde, die mich zu verschlingen drohen und die Frage aufwerfen, warum diese Welt so krank ist. Ich weiß, dass ich nicht viel weiß – aber ich bin davon überzeugt, dass wir genau in dem Moment verloren haben, in dem uns das Lachen vergeht.

Ich finde auch, dass es – nicht nur in Zeiten wie diesen – eine Kunst ist, Menschen zum Lachen zu bringen und das idealerweise nicht nur mit plattem Humor, der unter die Gürtellinie zielt oder auf Kosten anderer geht – wenngleich auch der seine Berechtigung hat. Und darum bewundere ich Künstler wie Kurt Krömer, Dieter Nuhr oder Volker Pispers. Oder nein, ich bewundere sie nicht, ich verehre sie. Schlechte Laune verbreiten, selbstmitleidig in seinem Loch verharren oder als knochenarte und unbarmherzige Kritik übender Dampfhammer durch die Walachei wälzen, das ist leicht und zerstören kann jeder. Das schafft schon ein Baby, dem man eine von diesen unglaublich alltagsuntauglichen Lego-Kreationen in die Hand drückt. Aber nachhaltig aufbauen und andere für einen Moment von ihren trüben Gedanken ablenken, das ist eine Kunst, die nur wenige beherrschen. Eine Kunst, die ich irgendwann gerne mal beherrschen würde.

Vorerst begnüge ich mich aber damit, euch einen meiner Lieblingsclips von den Tassen – den GeburtstagsEiPott – oder die Outtakes von Kurt Krömer ans Herz zu legen. Schaut da mal rein. Das ist Medizin. 😉

Anmerkung: Bitte darum, diesen Text nicht dahingehend zu interpretieren, dass man nun die frisch lackierten Händchen in den Schoß legt und Gänseblümchen zählt, weil man ja eh nichts tun kann. Doch. Man kann. Jede kleine gute Tat macht die Welt ein bisschen freundlicher und schöner. Aber manchmal müssen kleine Taten halt genügen, weil sich die Welt schwer im Alleingang retten lässt.  Aber die kleinen und größeren Taten gehen einem leichter von der Hand, wenn man nicht das Elend der Welt auf seinen Schultern trägt -genau das möchte ich mit diesem Post ausdrücken. Nicht mehr. Nicht weniger. 😉

[Beitragsbild: erstellt mit Canva u. privat]

12 Kommentare zu „Leben| Über das Bewahren der alltäglichen Leichtigkeit

  1. Jetzt musste ich erstmal meine Augen reiben, so ganz anders kommt der Blog nun daher…
    Mir gefiel die vermeintlich schlichte Variante und besonders das „Weibswort“ ja sehr gut (wann nehmen sich Frauen schon mal dieses?!) und so gewöhne ich mich nun halt um, da nichts bleibt, wie es ist im Leben. Und da wären wir dann schon beim Thema.
    Veränderungen zwingen uns zum Umgang mit ihnen. Das können gute Veränderungen sein, aber eben auch schlechte. Der Umgang jedoch damit sollte so gut wie möglich sein. Zumindest für einen selbst. Gehts uns selbst einigermaßen gut, geht’s ja auch unserer Mitwelt einigermaßen gut. Und manchmal muss es eben Nagellack sein. Oder Kunst.
    Ich war kürzlich auf dem Iseo-See wandelnd auf den Floating Piers. Diese gigantische Kunst-Installation war von Christo nur für 16 Tage gedacht und allein das hat mich begeistert. Sich von sowas Großem und gleichzeitig Leichtem inspirieren zu lassen und die Veränderung und den Abschied davon schon vor Augen zu haben, das ist Lebens-Kunst.
    Auf den Piers war diese Leichtigkeit bei vielen tausenden von Menschen zu spüren, alle haben sich davon anstecken lassen. Es war ganz besonders.
    Wenn mal wieder was ganz Verknotetes in meinem Leben daherkommt, werde ich dran denken an die orangene Leichtigkeit über dem Wasser.
    Danke für Deinen klugen Post im neuen Gewand und herzliche Grüße von Sieglinde.

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    1. Das freut mich, dass du mir auch hierher folgst. Und unter uns: Zu Anfang habe ich auch kurz gefremdelt, aber jetzt mag ich es sehr. War an der Zeit für frischen Wind. 😉

      Ich danke dir für deinen Kommentar! Ich kann mir keinen besseren zu diesem Post vorstellen, denn nun musste ich gerade an meine „Christo“-Erfahrung mit dem verhüllten Reichstag denken. Zuerst habe ich mich gefragt, was das soll und hielt es für unnötig. Aber vor Ort sah es plötzlich ganz anders aus. Ein schöner Denkanstoß, um nicht immer nur danach zu gehen, was vermeintlich „sinnvoll“ ist. Und spielerischer an manche Dinge heranzugehen… auch an Veränderungen. Wobei ich absolut kein Mensch bin, der es mit Veränderungen hat, aber das Leben ist nun mal Veränderung und immer dann, wenn ich mich am meisten dagegen sträube, wird es schmerzhaft. Vielleicht sollte ich auch öfter an Christo denken. Danke dir für die Inspiration! 🙂

      Herzlichen Gruß
      Anna

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      1. Den Reichstag hätte ich damals auch zu gern gesehen. War sicher höchst beeindruckend und erstaunlich.
        Solcherart Erlebnisse sind Jahrhundert-Erlebnisse und wer sie hatte, darf sich glücklich schätzen.
        Es freut mich sehr, dass Dich das auch inspiriert.
        Wenn Du Lust hast, schau einfach mal in meinen da sempre Shop-Blog, da habe ich unser Erlebnis mit den Floating Piers gepostet.
        Ciao, Sieglinde

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  2. Liebe Anna, wo du bist, da will ich auch sein! Also ziehe ich selbstverständlich mit dir um. Noch habe ich mich nicht so ganz mit dem neuen Design angefreundet, aber das wird schon. Sieht jedenfalls alles toll und professionell aus! Und der neue Name passt, das du ja der weltgrößte SATC-Fan bist!
    So ich schau mich dann mal hier um! Liebe Grüße von Marion

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    1. Das freut mich sehr, dass du weiter an Bord bist. Und ich muss gestehen, dass ich auch 2 Tage gebraucht habe, ehe ich mich ans neue Design gewöhnt habe, aber jetzt mag ich es sehr. Und unter uns: Wenn du das Blog via Smartphone liest, ist es gar nicht so sehr anders. 😉

      Herzlichen Gruß! ❤

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  3. Hallo Anna, hoi was für ein durchgestylter Blog. So einen will ich auch, menno 🙂
    Klar komm ich hierher. Der Header ist ja der Hammer. Mich beschleicht fast Ehrfurcht.
    Wünsche Dir einen schönen Abend, ganz liebe Grüße Tina

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    1. Tina! Wie schön, dass du hier vorbeischaust! Und das, obwohl ich jetzt auch so’n durchgestyltes Blog habe…getreu dem Motto „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern“. 😛

      In den Header bin ich auch ein bisschen verliebt. So einer schwebte mir schon immer vor, ich wusste nur nicht, wie und von wem ich ihn hätte bekommen sollen. Ich frag ja schließlich nicht jeden, das ist Vertrauenssache. 😉

      Liebe Grüße!

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  4. Ein toller Post, liebe Anna. Und du hast ganz Recht. Man kann nicht die gesamte Welt retten. Leider nicht! Aber jeder kann einen Beitrag leisten, egal auf welchem Gebiet. An einem Zuviel kann man auch schnell kaputt gehen…

    Ich finde es ganz wichtig, dass man erkennt, dass man letztendlich nur sich selbst ändern kann und nicht die Anderen. Ich kann mein Verhalten, meinen Konsum und meinen Umgang mit anderen Menschen oder der Umwelt, dem fremden Glauben oder der anderen Kultur verändern. Die Verhaltensweisen der Anderen muss ich nicht unbedingt mögen oder akzeptieren, werde sie aber wohl nicht ändern können.

    Respekt für deine Mutter. So ein Schicksalsschlag in so jungen Jahren. Aber auch dein Verhalten kann ich gut verstehen. Ich glaube, mit dem „Alter“ bekommt man einfach eine andere Betrachtungsweise.

    Liebe Grüße
    Sabine

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    1. Das hast du schön gesagt und da muss ich immer mal wieder an mir arbeiten, weil ich manchmal nicht akzeptieren kann/will, dass nur ICH mich ändern kann. Da kommt dann der kleine Besserwisser/Klugschei**er durch, der auf Biegen und Brechen andere zu ihrem „Glück“ zwingen will, anstatt mal vor der eigenen Haustür zu kehren. 😛

      Weißt, heute kann ich mich und meine Mutter verstehen. Nur schade, dass wir damals nicht geredet haben. Das hätte vieles leichter gemacht. 😉

      Lieben Gruß zurück!

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Kommentare machen das Bloggen bunter und ich freue mich, wenn ich hier keine Selbstgespräche führen muss. ;)

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