Gegenwärtig unaufmerksam. #Meditation für Dummies.

Dieses „lebe im Hier und Jetzt“ nervt mich ja schon ein bisschen, suggeriert es doch irgendwie, dass wir alle nur kleine Alltagsroboter sind, die stumpf und stupide ihren täglichen Verrichtungen nachgehen. Stellt sich die Frage:  Wie aufmerksam geht ihr eigentlich durchs Leben? Bislang hielt ich mich für einen relativ aufmerksamen Menschen, wobei das natürlich auch immer eine Frage der Sichtweise ist. Manch einer hält sich für total entspannt. Und erwähnt dann ganz nebenbei, dass er streng makrobiotisch lebt, Alkohol meidet, täglich zwei Studen auf dem Meditionskissen und zwei auf der Yogamatte zubringt und kurz nach dem Sandmännchen ins Bett geht. Das ist sicher total entspannt. Verglichen mit einem tibetanischen Mönch. Ich hielt mich, wie eingangs erwähnt, für relativ aufmerksam. Verglichen mit meinem Mann. Der mich gerne mal fragt: „Warum hast du mir das nicht gesagt?“, woraufhin meine Antwort stets lautet: „Habe ich doch. Vor zwei Minuten.“ Tja. Ein Hängebauchschwein  wirkt neben einem Elefanten auch beinahe zart. Neben einem Schmetterling eher nicht.

Das habe ich ja noch nie gelesen…

Mein Augenöffner bezüglich meiner offensichtlich doch nicht so ausgeprägten Aufmerksamkeit war ein Buch. Meine Yoga-„Bibel“ Yoga for Real Life von Maya Fiennes. Seit der Anschaffung vor einigen Monaten schon oft in den Händen gehabt, oft durchgeblättert, aber offenbar nie aufmerksam durchgelesen. Denn neulich habe ich noch Stein und Bein darauf geschworen, dass mir noch nie jemand vermittelt hätte, wie wichtig die Endentspannung (Shavasana) nach dem Yoga ist. Auf all meinen DVDs wird da tatsächlich nicht so explizit drauf hingewiesen, das ist eher so ein Wischiwaschi-Konjunktiv: „es wäre schön, wenn“, „ihr könnt gerne noch“… blabla. Mit dem Konjunktiv ist das bei mir aber so eine Sache. Ich nutze ihn, um mich nicht auf bestimmte Dinge festnageln zu lassen, fühle mich davon allerdings grundsätzlich nicht angesprochen. Ich schätze klare Aufforderungen und eine Formulierung wie „könntest du vielleicht“ wird niemals nie die gleiche Handlung provozieren wie „mach das bitte, es ist wichtig.“ Und dann las ich gestern im Buch von Maya:
Zum Abschluss einer Yogaeinheit ruhen und entspannen wir immer einige Minuten in Shavasana. Es passiert nicht selten, dass jemand nach den Yogaübungen aufspringt und den letzten Teil auslässt. Aber dieser ist in Wahrheit der wichtigste! Bleiben Sie für je dreißig Minuten Yoga mindestens fünf Minuten in Shavasana. Es ist ungeheuer wichtig, dass wir unser System nach dem Reinigen der Chakras und dem Verändern der Energie die Möglichkeit geben, das Neue und Veränderte zu integrieren und die neue Kraft gleichmäßig im Körper zu verteilen.
Ups. Das steht da. Auf Seite 36. Und ich habe es gestern gelesen, als hätte ich es zum ersten Mal gelesen. Was ja auch der Fall ist.

Wie aufmerksam bin ich eigentlich tatsächlich?

Die Antwort lautet: Während meiner Laufrunde (nur Walking, der letzten Verstauchung geschuldet)  sehr aufmerksam, weil es nichts gibt, was mich ablenken könnte und ich auch nicht zu denen gehöre, die sich mit Kopfhörern von der Außenwelt abschotten. Aber sonst? Bin ich körperlich und geistig zwar anwesend und daddele während eines Gesprächs auch nicht am Smartphone rum – für mich eine der größten Unhöflichkeiten überhaupt. Aber einhundertprozentige Aufmerksamkeit ist das tatsächlich nur selten, weil ich immer irgendwas im Hinterkopf habe oder real abgelenkt werde.
  • Der Briefträger klingelt. Oder die Paketboten von DPD, Hermes oder DHL. Es spricht sich halt rum, wenn jemand Homeoffice-bedingt die Paketannahmestelle spielt und manchmal bringen sie ja auch tatsächlich was für mich.
  • Der Junior klingelt, weil schon wieder Unterricht ausfällt und er 2-3 Freistunden hat.
  • Das Telefon klingelt. Oder wird vermutlich bald klingeln, weil besondere Umstände zurzeit einfach ein besonderes Telefonverhalten provozieren und man manche Anrufe halt annehmen muss. Zur Not auch mehrmals am Tag und auch dann, wenn man am liebsten in die Tischkante beißen möchte.
  • Die Wäsche muss gewaschen werden. Oder gebügelt.
  • Das Essen macht sich nicht von alleine und es soll natürlich gesund sein. Und lecker. Außerdem idealerweise vegan oder wenigstens vegetarisch  für mich sowie mit Fleisch für Mann und Sohn – hierbei haben beide allerdings persönliche Vorlieben und Abneigungen, die leider nicht deckungsgleich sind.
  • Ist eigentlich noch genug Essbares im Kühlschrank/Tiefkühler und wenn nicht, wie lautet Plan B? Fasten? Döner?
  • Texte schreiben sich auch nicht selbst, von der Ideenfindung ganz zu schweigen.
  • Und wie war das mit dem regelmäßigen Sport- und Yogaprogramm? Außerdem wollte ich es so gerne regelmäßig mit einer fünfminütigen Meditation versuchen, um mal zu schauen, ob das was für mich ist.
  • Nur mal schnell die Mails checken und auf Instagram vorbeischauen… ups… schon wieder so spät!
  • Wann habe ich eigentlich zum letzen Mal so richtig gründlich die Wohnung geputzt? Da liegt Staub auf dem Tisch! Aber kein Feenstaub…
  • Und warum stapeln sich schon wieder so viele Zeitschriften, die ich noch gar nicht gelesen habe? Der Stapel der ungelesenen Bücher wird auch immer höher… Gibt’s eine Möglichkeit, um das Zeug direkt in meinen Kopf zu hämmern? Aber nee, der Weg ist ja das Ziel, ich vergaß…

Gedanken über Gedanken über Gedanken…

Es ist die Pest. Doch wer kann dem nur Einhalt gebieten? Ich.  Und keine Angst, das driftet jetzt nicht ab in Richtung „Wie du das Leben führst, das du dir wünschst. Verlasse dein Hamsterrad, mach dich selbstständig und schippere als Digitaler Nomade mit deinem Laptop um die Welt“. Klar könnt ihr das machen, wenn es euch gefällt. Denke allerdings nicht, dass es immer gleich so ein radikaler  Schnitt sein muss.Gut,  so ein Tag ist also ganz schön vollgepackt. Nicht verwunderlich, dass die Gedanken da nicht bei der Stange bleiben. Dumm nur: Wenn ich mich zerreiße und alles  halbherzig erledige, hat niemand gewonnen. Tatsächlich ist es sogar richtig lohnenswert, sich ganz auf eine Sache einzulassen. Denn…

Solange unser Geist während einer Aktivität nicht durch etwas gestört wird, handelt es sich um Meditation. (Maya Fiennes)

Vergesst das Kissen – alles kann meditativ sein! Auch der Abwasch…

Klingt im ersten Moment etwas schräg – allerdings nur, bis man einmal erfahren hat, was sie damit meint. Mich ereilte diese Erfahrung neulich während des Abwaschens. Ausgerechnet (und nein, ich besitze keine Spülmaschine). Irgendwie kam der Geist während des Abwaschens tatsächlich zur Ruhe, parallel dazu gab es auch keinerlei Ablenkung von außen. Ich habe nicht permanent gemault, mich nicht über den Geschirrberg geärgert und angesichts der verhassten Tätigkeit nicht geschworen, dass es morgen Döner für alle gibt. Sondern mich voll auf diese Tätigkeit eingelassen und einfach nur abgewaschen. Teller für Teller, Glas für Glas und Gabel für Gabel. Und noch ein paar andere Sachen.

Und es hat Flow gemacht…

Vielleicht war das der Zustand, den man auch als Flow bezeichnet. Es gelang mir  nicht, noch einmal auf diese Art abzuwaschen – ich bleibe aber dran. Seither experimentiere ich allerdings mit dem meditativen Aspekt einer (fast) jeden Tätigkeit und das ist ziemlich spannend – selbst wenn es mir nur für fünf Minuten gelingt, diesen Zustand zu halten. Der Trick für mich dabei ist, eben kein großes Brimborium um die Sache zu machen. Sondern sich einfach nur auf die Tätigkeit selbst zu konzentrieren. Dann kommt der Rest von alleine. Nicht immer, nicht auf Knopfdruck, aber es wird. Und die Sache lohnt sich.

„Wenn ich das Geschirr nicht voller Freude abwaschen kann und nur versuche, es schnellstmöglich hinter mich zu bringen, damit ich endlich zum Nachtisch übergehen kann, kann ich auch diesen nicht genießen. Mit der Gabel in der Hand überlege ich schon, was als Nächstes dran ist. So entgehen mir Konsistenz und Geschmack des Desserts ebenso wie das freudvolle Erlebnis des Verspeisens desselben. Ständig werde ich in die Zukunft gezogen und kann den gegenwärtigen Moment nicht genießen.“ (Thich Nhât Hanh)
Und genau das ist der Knackpunkt. Die Gedanken galoppieren immer ein Stück voraus und verwässern den Augenblick. Hat was von einem zu kurz gezogenen Tee. Oder von einem Kaffee, bei dem blöderweise der Filter nicht sauber in die Maschine eingelegt wurde, sodass eine völlig verwässerte Plörre rauskommt. Meine Augenblicke sollen keine verwässerte Plörre sein, sondern ein Espresso. Oder wenigstens ein gescheiter Filterkaffee. Wie sieht’s bei euch aus?
P.S: Manchmal ereilt mich so ein Flow/meditativer Moment übrigens beim Schreiben. Dann schreibe, schreibe und schreibe ich und denke am Ende: „Huch, wo bist du denn gelandet? Da wolltest du doch gar nicht hin!“ Ging mir auch bei diesem Text so, denn eigentlich wollte ich nichts über Meditation schreiben, weil ich ja gar nicht meditieren kann. Aber an meinen Erfahrungen kann ich euch teilhaben lassen und manchmal kommt’s vielleicht auch nur darauf an. 😉

P.S: Der Vollständigkeit halber reiche ich noch ein paar Meditations-Apps nach, die mir eben beim Durchblättern der aktuellen Myself unterkamen. Manche sind wohl entspannender als andere. Und ein kleiner Nachteil: Fast alle sind kostenpflichtig. Für mich interessant klingen vor allem:

  • ipnossoft.com: Hier ist eine Auswahl der „Relax Melodies“ kostenlos. Monatliche Vollversion kostet 4,99€.
  • buddhify.com: Über 80 Meditationen für jede Alltagssituation. Monatspreis: 4,99€
  • Weitere Adressen zum Ansurfen: mindthebump.org.au, headspace.com,

Ausprobiert habe ich noch keine dieser Apps und wie gesagt: vorher das Kleingedruckte lesen, um die Kostenfrage zu klären.

 [Beitragsbild: erstellt mit Canva]

Kommentare machen das Bloggen bunter und ich freue mich, wenn ich hier keine Selbstgespräche führen muss. ;)

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