Kleideschrank-Zen: Entrümpeln, aber richtig.

Ich habe nichts anzuziehen. Davon allerdings recht viel. Mein Kleiderschrank ist voll. Und zwar voll mit „nichts zum Anzuziehen“. Wobei es „nichts“ nicht ganz trifft. Ich greife einfach routinemäßig zu meinen erprobten und für gut befundenen Lieblingsoutfits, womit „nichts“ gleichbedeutend mit „immer dasselbe“ ist. Mehr oder weniger. Solange ich mir nicht darüber im Klaren bin, ob „immer dasselbe“ vielleicht mein persönlicher Stil ist, führt das in schöner Regelmäßigkeit zu folgendem Szenario: Hochgradig genervt von meiner styletechnisch nicht vorhandenen Kreativität öffne ich die Pforten der Hölle – übersetzt: den Kleiderschrank – reiße alles raus, was nicht niet- und nagelfest ist, schichte es in einem Haufen vor mir auf, um das Nichts genauer in Augenschein zu nehmen… und dann möchte weinen, weil es mich gefühlt zwei Tage kosten wird, um dieses Chaos zu beseitigen. Neue Klamotten kaufen und die irgendwo dazwischenstopfen, wäre leichter – aber darum soll es hier nicht gehen. Denn das heutige Thema lautet: Den Kleiderschrank sach-und fachgerecht ausmisten, da hat jeder seine eigene Strategie. Und meine möchte ich heute mit euch teilen. Benötigt werden:

  • Die entsprechende Laune [s. Punkt I]
  • Umzugskartons oder große Müllsäcke
  • Zeit! Viel Zeit! Mindestens ein Nachmittag!
  • Gute Musik, Nervennahrung, Telefonnummer vom Pizzadienst

I.Timing ist alles: Einen Kleiderschrank kann man nicht einfach „irgendwann“ aufräumen und das gilt vor allem für die, die mit den Kleidungsstücken bestimmte Erinnerungen verbinden. ‚Ach… die Jeans habe ich beim ersten Date getragen… und in dem Kleid habe ich meinen Mann kennen gelernt… hach…‘ seufz. Dass die Jeans ihre besten Tage lange hinter sich hat und das Kleid erst in 30 Jahren wieder in sein wird, wird dabei gerne vergessen und das ist schlecht, denn der Kleiderschrank vergisst nichts und ist irgendwann mal voll. An Tagen, an denen man irgendwo zwischen Melancholie, Nostalgie und „Laissez-faire“ schwankt und unheimlich tolerant ist, ist das Ausmistvorhaben tendenziell zum Scheitern verurteilt! Ich würde da lieber Kaffee trinkend und Kuchen essend ein Modemagazin durchblättern und die Zeit sinnvoll nutzen. Ideale Ausmisttage sind die, an denen man sich sogar von sich selbst scheiden lassen würde und mit allem und jedem ratzfatz kurzen Prozess macht. Wenn es also mal wieder so weit ist: Schrank auf, alle Klamotten rausreißen und los geht’s…

II.Die Sterne stehen günstig: Bei so großen Vorhaben ist ein wenig kosmische Unterstützung nie verkehrt und theoretisch lässt sich auch der Mond als Gehilfe einspannen. Ideal sind Tage, an denen der Mond im Widder, in der Jungfrau oder im Wassermann steht. An Widder-Tagen sind Tatkraft, Mut und Durchsetzungsvermögen angesagt und das Energieniveau könnte besser nicht sein. An den Jungfrau-Tagen läuft das durchorganisierte, gut strukturierte Arbeitstier zu Höchstform auf und schwingt der Wassermann  den Dreizack, lassen sich alte Zöpfe leichter abschneiden als sonst. So heißt es. Probiert es mal aus und sagt mir, ob’s funktioniert. 😉

III.Weniger ist mehr: Ja, das zieht sich nicht nur durch den Stil der Französinnen, sondern idealerweise auch durch den Kleiderschrank und jetzt, wo die Kleiderschätzchen alle auf dem Boden liegen und sich nicht mehr in der letzten Kleiderschrankecke verkriechen können, ist gnadenloses ausmisten angesagt. Schon mal überlegt, warum in Luxusboutiquen verhältnismäßig wenig Stücken so unglaublich viel Raum gewährt wird? Weil man sie dann einfach besser sehen kann. Und das fünfzigste, auf Briefmarkenformat zusammengequetschte Shirt in einem Schrank voller Nichts ist schlichtweg nicht vorhanden, weil man es nicht sieht und es infolgedessen irgendwann vergisst. Analog zu Bruce und seiner „lebendigen Handtasche“ plädiere ich daher für Kleidung, die atmen kann.

IV. Love ist, change it or leave it: Damit die Kleidung atmen kann, gehört nur das in den Kleiderschrank, was wirklich getragen wird und was genau das ist, lässt sich wunderbar anhand des folgenden „Love ist, change it or leave it“-Prinzips herausfinden.

a)Love it: Der Blick in den Kleiderschrank soll genau eine Reaktion hervorrufen: ein freudiges, langgezogenes ‚Aaaaaaaaaah!‘ oder von mir aus auch ein ‚Ooooooooh‘. Auch gut: ‚Ach wie schön, dass wir uns endlich wiedersehen!‘ oder ‚Lass uns sofort zusammen ausgehen!‘ Kleidungsstücke dieser Art dürfen bleiben.

b)Change it: Und dann gibt’s die Wackelkandidaten – zum Aussortieren eigentlich zu schade, aber ausführen möchte man sie auch nicht unbedingt. Also: Wackelkandidaten separat aufschichten und überlegen: Ist es möglich, das Stück mit wenigen Handgriffen so zu ändern oder ändern zu lassen, dass es zum Love-it-Stück wird? Nein? Dann weg damit.

c)Leave it: Nicht in den Schrank gehören Stücke, die folgende Gedanken provozieren:

  • „Örks“
  • „ Ich muss unbedingt abnehmen!“
  • „Verdammt! In dem Teil habe ich meine Prüfung versemmelt.“
  • „Hach… in dem Kleid habe ich Schatz kennen gelernt, aber leider ist Schatz jetzt anderweitig verheiratet und Vater von Drillingen.“

Für Stücke dieser Art gilt: Ab in den Altkleidersack! Gehe nicht über Los, sacke keinen Mitleidsbonus ein. Aus den Augen, aus dem Sinn, aus dem Schrank.

V. Brauche ich es wirklich? Nun, nachdem die grobe Vorauswahl bereits getroffen ist, folgt das letzte und härteste Stück Arbeit. Bei allen Kleidungsstücken, die nicht in die Kategorie „Absolutes Lieblingsteil, kann ich mit geschlossenen Augen aus dem Schrank ziehen und direkt überwerfen“ gehören, ist eine Anprobe Pflicht. Noch einmal zum Mitschreiben: Die Anprobe ist P-f-l-i-c-h-t. Und während des Posierens vor dem Spiegel sind die unten aufgelisteten Fragen [s. „Kleiderschrank-Zen: der kleine Ausmister“] hilfreich, die am besten ausgedruck werden.

VI. Gut gemacht! Den kleinen Ausmister zur Hand genommen und alles knallhart sortiert? Herzlichen Glückwunsch! Ich sehe Licht am Ende des Tunnels und ihr hoffentlich auch. Theoretisch dürften sich – nach dem Einräumen! – im Kleiderschrank nun nur noch absolute Lieblingsstücke befinden – oder die, die das Potenzial haben, zum Lieblingsstück zu werden. Die ausrangierten Stücke werden in Altkleidersäcken oder Umzugskartons zwischengeparkt. Was damit geschieht, erzähle ich demnächst. Lassen wir’s gut sein für heute und gönnen uns eine Belohnung… 😉

Belohnung
(c)WeibandtheCity

Kleiderschrank-Zen oder: Der kleine Ausmister

Wer sich mit den Entscheidungen ein wenig schwerer tut und nicht so recht weiß, ob der Wegfall bestimmter Stücke eine klaffende Lücke in Herz und Kleiderschrank hinterlassen würden, kann den kleinen Ausmister zur Hand nehmen. Das fragliche Stück anziehen, ein paar Mal vor dem Spiegel auf- und abtänzeln und dann die folgenden Fragen ehrlich beantworten. 

1. Teil

1. Liebe ich es? 

2. Würde ich es sofort anziehen und es irgendwohin ausführen? 

3. Fühle ich mich darin wirklich wohl und strahle das auch aus? 

4. Könnte ich es zum ersten Date tragen?

5. Könnte ich es zu einem offiziellen Termin tragen?

6. Kann ich guten Gewissens die Tür öffnen, wenn ich es trage? 

2.Teil

7. Kann ich mich darin nur jemandem zeigen, der mich wirklich mag? 

8. Würde ich es nur bei  jemandem tragen, der meine inneren Werte kennt?

3. Teil

9. Werde ich je wieder glücklich sein, wenn ich es entsorge?

Auswertung

Teil 1: Je mehr Ja-Antworten, desto besser. Jede Ja-Antwort bekommt einen Punkt. 

Teil 2: Je mehr Nein-Antworten, desto besser. Jede Ja-Antwort bekommt 3 Minus-Punkte! 

Teil 3: Nein geantwortet? Dann vergiss alle vorherigen Antworten. Dieses Stück ist wie für dich gemacht und bekommt ein Ehrenplätzchen im Schrank. Ich hoffe für dich, dass du parallel dazu im 1.Teil sehr oft „JA“ und im 2. Teil sehr oft „Nein!“ geantwortet hast. P.S: Die Anzahl der Punkte spielt übrigens überhaupt keine Rolle. Es geht nur darum, sich mit dem jeweiligen Kleidungsstück auseinanderzusetzen. 😉

 [Beitragsbild: erstellt mit Canva]

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