Kolumne| Wer schön sein will…

Wochenende. Es ist früh, sehr früh. Da jagst du keinen Hund vor die Tür. Unerklärlicherweise stecke ich jedoch voller Tatendrang, so dass die Zeit irgendwie sinnvoll rumgebracht werden will. Was tun? Ah ja… da war doch was. Ich hätte gerne wieder ein wenig mehr von dem Gesicht zurück, das mir vor 20 Jahren nicht gefallen hat. Weil ich damals ja noch nicht wusste, was danach kommt und dass es nur noch bergab geht.  Vielleicht kann ich mein altes neues Gesicht aus der Reserve locken, indem ich an diesem noch jungen Wintermorgen ein wenig auf „Julie & Julia“ mache. In leicht abgewandelter Form natürlich. Also: Mir „Kosmetik aus der Küche“ auf irgendwelche Körperpartien schmieren, schauen, ob ich hinterher schöner bin oder nur klüger und meine Erkenntnisse nachfolgend verbloggen.

Flitze also in Erwartung der Schönheit, die da kommen wird, in die Küche und suche mir meine Beautyhelfer zusammen: Apfelessig, Öl und Kaffeesatz. Essig ist der ultimative Glanzbooster für stumpfes Haar – sagen zumindest Ines de la Fressange, Diane Irons und Frauke Ludowig in ihrem jeweiligen Buch. Daraus folgt: Ich brauche Essig. Denn ich habe Haare. Und die sind stumpf. Der Winter hat sie getötet. Wobei es ja nicht mal so ist, dass ich meinen Haaren keine Aufmerksamkeit schenken würde. Im Gegenteil. Was Shampoos und Haarkuren angeht, bin ich Jäger und Sammler. Nenne derzeit 14 verschiedene Shampooflaschen in unterschiedlichen Benutzungsstadien mein Eigen. Dazu vier Haarkuren und zwei Haaröle. Und trotzdem – oder gerade deswegen? – habe ich stumpfe Haare. Das ist doch Essig, weswegen ich mich für ebendiesen entscheide. Nämlich im von Diane  Irons vorgeschlagenen Mischungsverhältnis von ½ Tasse Apfelessig zu 1 Tasse Wasser.  Mische meine streng riechende Haarspülung zusammen und sehe mich im Geiste mit meiner unglaublich glänzenden Mähne bereits als das neue Pantene-Testimonial. Hach… natürliche Schönheitspflege ist schon toll…

Multitaskingmotor anwerfen und noch schnell einen Esslöffel Olivenöl nehmen. Das Öl gedenke ich während der Prozedur im Bad ordentlich durch die Zähne zu ziehen. Das nennt sich Ölkur oder Ölziehen und stammt wahlweise von sibirischen Schamanen oder Ayurveda-Anhängern.  Auf nüchternen Magen – Kaffee zählt bei mir nicht, wie die Schamanen das halten, weiß ich nicht – für wenigstens eine Vierteltunde durchgeführt, soll es den Entgiftungsprozess des Körpers unterstützen, indem es Giftstoffe im Öl bindet, weswegen es tunlichst vermieden werden sollte, das giftige Öl versehentlich zu schlucken. Das kann böse enden. Sehr böse… prognonstizieren Hardcore-Naturheilkundler. Ich denke, dass man die Kirche im Dorf lassen sollte, da ich trotz einiger Giftölunfälle noch immer dumme Witze reißen kann… oder gerade deswegen? Egal. Was ich definitiv bestätigen kann, ist die leicht zahnaufhellende Wirkung der Ölkur, die sich bereits nach einer Anwendung bemerkbar macht, aber leider nur bis zum nächsten Kaffee anhält.

Gut, also Öl in den Mund, Essigspülung mitnehmen, noch schnell den vollen Kaffeefilter für mein Anti-Cellulite-Peeling schnappen und ab ins Bad. Plötzlich steht der Mann in der Tür und mustert mich milde lächelnd. Oder ist das in seinem Blick Resignation? Er denkt etwas, was ich nicht wissen will. Das weiß ich. Ich sehe  es in seinen Augen. Verspüre das dringende Bedürfnis, Kaya Yanar zu imitieren. Was guckst du?! Aber versuch das mal mit einem Mund voller Öl. Begnüge mich daher notgedrungen damit, mich stur auf den Boden stierend an ihm vorbei ins Bad zu drücken und den vollen Kaffeefilter an ihm vorbeizuschmuggeln, um den Fragen zu entgehen, die ich weder beantworten kann – das Öl! – noch beantworten will.

Endlich! Erreiche das rettende Bad. Hier bin ich in Sicherheit. Hier werde ich schön…Widme mich hingebungsvoll meinem Kaffeesatzpeeling, welches den Oberschenkeldellen derartig Beine machen soll, dass sie von alleine davonrennen. Dann sind die Haare dran. Das Stroh muss weg. Halte fünf Minuten Zwiesprache mit meinen Haaren um zu erfahren, welche der 14 Shampooflaschen wir denn heute gerne hätten. Dann kommt die Kür… ähm… Essigkur. Der Glanzbooster.  Nazan, zieh dich warm an, ich bin gleich da und stoße dich von deinem Glanzhaar-Thron. Nase zu und durch oder „Hopp, hopp ruff uffn Kopp“ – und währenddessen fleißig mit Öl gurgeln. Das Gift muss raus! Mein Multitaskingmotor läuft mittlerweile im dunkelroten Drehzahlbereich. Wird mir doch ’n bisschen viel alles. Es ist gerade mal 7:30 Uhr und ich bin jetzt schon fix und alle. Wie soll das weitergehen? Egal. Da muss ich durch, denn dafür bin ich hinterher strahlend schön.

Entleere anderthalb Tassen Essigwasser über meinem Haupt, lasse das streng riechende Zeug noch ein bisschen ins Waschbecken tropfen und stelle fest, dass ich mich plötzlich selbst überhaupt nicht mehr riechen kann. Also gar nicht. Mein Gott, wie das stinkt! Außerdem brennt es in den Augen! Schlinge mir, so hoheitsvoll es mit tränenden Augen eben möglich ist, einen Handtuchturban um das Stroh, welches ich soeben zu Gold gespült habe und verlasse das Bad. Sofort befinde ich mich wieder auf feindlichem Gebiet. Der Sohn  – seit jeher mit einer rätselhaften Essigaversion gesegnet – kreuzt meinen Weg, rümpft empört die Nase, schaut mich sehr angeekelt an und marschiert wortlos und vernichtenden Blickes an mir vorbei. Kurz darauf habe ich sehr viel Platz am Frühstückstisch. Niemand will neben mir sitzen. Nicht  mal ich. Beende das Frühstück in allseitigem Einvernehmen recht schnell und flitze erwartungsvoll ins Bad, um mich meiner zu neuem Glanz erlangten Haarpracht zu widmen. Haare fühlen sich in nassem Zustand toll an. Sehr griffig. Also wie üblich föhnen… und…

Wie? Das war’s?! Mehr Effekt gibt’s nicht?! Das darf doch wohl nicht wahr sein! Die Haare sehen aus wie immer. Aber sie fühlen sich nicht schön an. Strohig irgendwie. Vorher sahen sie wenigstens nur strohig aus. Außerdem leide ich an akuter Essigvergiftung. Meine Kopfhaut brennt und an der Schläfe prangt eine fies juckende Essigquaddel. Will die Haare nochmal waschen, habe aber blöderweise keine Zeit mehr, weil der Mann wartet und mit ihm der zu erledigende Einkauf. Und die Blöße, das Totalversagen meines Experiments einzugestehen, gebe ich mir nicht. Arbeite sorgfältig einen Tropfen Glanz spendendes Haaröl ein und versuche zu retten, was noch zu retten ist. Für die Tonne. Nur gut, dass es so kalt ist. Setze eine Mütze auf und versuche zu vergessen, dass meine Kopfhaut zwiebelt und die Essigquaddel im Gesicht nur darauf wartet, sich in ein feuerrotes Monster zu verwandeln, wenn ich dem Juckreiz kratzenderweise nachgebe.

Latsche mit essigsaurer Miene durch den Supermarkt und erkläre mein Natural-Beauty-Experiment die Haare betreffend für beendet. Haartechnisch verstehe ich nämlich keinen Spaß. Bin sauer. Sehr sauer. Von innen und von außen. Und beschließe, meinen 14 Shampooflaschen noch ein Geschwisterchen zu besorgen. Warum hat uns der Haargott wohl sonst so viele tolle Shampoos, Haarkuren und Haaröle geschenkt?! Weil Essig zum Himmel stinkt und in den Salat gehört. Nicht auf den Kopf…

[Beitragsbild: erstellt mit Canva]

Ein Kommentar zu „Kolumne| Wer schön sein will…

Kommentare sind geschlossen.