How to| Sale? Shoppen mit Köpfchen.

Nachdem ich mir ernsthaft Gedanken darüber gemacht habe, warum ich im Sale manchmal fühle, als hätte man mich einer Lobotomie unterzogen, komme ich heute zu dem Ergebnis: Ich kann überhaupt nichts dafür. Ha! Der Grund, so bescheinigt es die Evolutionsbiologie, liegt darin, dass der Mensch nun mal aufs Zusammenraffen von Zeug ausgelegt ist. Gut, früher waren es Mammuts und Beeren, heute sind es eben Schuhe und Taschen, wobei – das gebe ich ja zu – unsere Vorfahren überlebensorientierter agierten. Allerdings ist der Mensch, was manche Entwicklungsbereiche angeht, seinen Vorfahren nicht annähernd so überlegen, wie er es wohl gerne wäre. Der männliche Konsument zeigt sich beispielsweise vor allem dann spendabel, wenn die Frauen rar sind – so das Ergebnis einer Studie der University of Minnesota. Damit nicht genug: Je höher der Testosteronspiegel des Mannes ist, desto leichter kann ihm eine leichtbekleidete Werbeschönheit einen… na sagen wir… einen einfachen, gewöhnlichen, leicht angeschrumpelten Apfel für 10 Euro oder ähnlich überteuerte Dinge unterjubeln. [1] 

Natürlich hat es auch einen Grund, dass im Kiosk die Häschen-Hochglanzmagazine mit den unfassbar intelligenten Interviews und die nicht so glanzvollen Billigheftchen liebevoll aufgefächert werden, um die nackten Tatsachen gut sichtbar zu präsentieren. Denn was verlockt die Herren zum Kauf von Knabberzeug oder Zigaretten? Dreimal dürft ihr raten und ich sage euch: An den Interviews liegt’s nicht. Und wenn wir schon so steinzeitlich unterwegs sind, dann gibt es gleich den ersten Tipp für smarte Schnäppchenjägerinnen:

Shoppen mit Eisprung: Die eher praktisch und sportlich veranlagte Frau, die mit tiefen Ausschnitten, rasanten Rocksäumen und Genickbrecher-Heels nichts anfangen kann, sollte niemals, wirklich niemals!, an ihren fruchtbaren Tagen einkaufen gehen. Denn dann greift sie häufig und entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit zu so femininer Kleidung, dass sie sich hinterher völlig entgeistert fragt, wie das Zeug in ihren Schrank kommt.

Tja… im Zweifelsfall die Hormone fragen – die wissen das und die Wissenschaft hat’s belegt. Dummerweise sind wir nicht nur durch unsere Wurzeln potenzielle Shopaholics. Natürlich werden wir auch gezielt manipuliert – was, sind wir mal ehrlich, bei einem Steinzeitmenschen nicht allzu schwer ist. Beispiele gefällig?

  • Wenn sich die Türen zum Einkaufstempel nur langsam öffnen und die Verkäuferin ihre Kleiderständer in Zeitlupe aus dem Weg schiebt, dann zeugt das nicht von unmotiviertem Personal, schwachsinniger Technik oder umgekehrt. Im Gegenteil. Je länger es dauert, bis der Kunde den Shoppingtempel betreten kann, desto länger bleibt er auch drin. Und der zielorientierte, durch Hindernisse aus der Bahn geworfene „Platz da! Ich weiß genau, was ich will!“-Käufer wird automatisch zum Blick auf anderen Kram verführt, wenn man ihn ausbremst.
  • Was extrem spiegelnde Bodenflächen angeht: Die sind mitnichten nur ein Zeichen für hervorragend arbeitendes Reinigungspersonal oder exklusives Design – zugleich denkt der geblendete Konsument nämlich ‘Ups, spiegelnder Boden. Ist bestimmt glatt hier, besser ein bisschen langsamer laufen‘ und schon ziehen die Schnäppchen nicht mehr im Eiltempo vorbei, so dass sie unbewusst besser in Augenschein genommen werden können.
  • Und dass wir mit Duftstoffen in Kauflaune versetzt werden, ist beileibe nichts Neues. [2] Gut, an diesen Fallstricken lässt sich nicht viel ändern und mit Oropax, Nasenklammer und Franz-Beckenbauer-Gedenktöppen ist dieser Manipulation wohl auch nicht beizukommen – allerdings ist es ja nie verkehrt sich wenigstens mal theoretisch damit zu beschäftigen, weil man dann immerhin eine Ausrede für diese unerklärlichen Spontankäufe hat.

Der Mensch ist also ein triebgesteuerter, beerensammelnder und sehr maniputlationsanfälliger Höhlenmensch. Pech für die Kreditkarte. Es gibt jedoch auch eine gute Nachricht. Und die lautet: Selbst Steinzeit-Shopaholics können sich höchst praktisch für den nächsten Einkaufsbummel rüsten. Nämlich mit Köpfchen. Ich behaupte natürlich nicht, dass die folgenden – heroisch an mir selbst getesteten – Vorschläge immer und überall zu 100% funktionieren. Aber mir helfen sie dabei, nicht mehr wie ein kopfloses, von Prozenten und Sale-Schildchen geblendetes Huhn zu shoppen. Also meistens…

  • Check vor dem Kauf: Wie sieht’s im Kleiderschrank aus und was wird benötigt? Nichts gegen Spontankäufe, aber im Laden fällt der Blick gerne auf die Dinge, die wir ohnehin mögen und die wir infolgedessen sowieso öfter kaufen. Doch was hilft es, 50 tolle Shirts im Schrank zu haben, wenn das passende Unterteil fehlt? Also checken was fehlt und eine Einkaufsliste schreiben. Ja, das ist spießig, aber es hilft wirklich, den umherirrenden Geist bei der Stange zu halten.
  • Was nicht passt, wird passend gemacht? Nein. Wird es nicht. Was nicht passt, bleibt da. Über die zu engen Stücke rede ich gar nicht erst und was die zu großen betrifft: Es ist theoretisch möglich, sie beim Schneider ändern zu lassen. Nur… fallen sie hinterher wirklich so, wie sie fallen sollen und vor allem: wie teuer wird das? Wenn es sich nicht gerade um ein sensationell reduziertes Couture-Teil handelt, würde ich persönlich die passende Variante vorziehen oder die Finger davon lassen. Und hätte ich mich selbst an meinen Rat gehalten, dann hätte ich nicht kürzlich eine auf ‚Zwergenformat‘ gekürzte Jeans entsorgen müssen, die ich letztendlich nur zweimal getragen habe, weil ein vom Schneider gekürzter Jeanssaum einfach blöd aussieht.
  • Passt es nicht nur mir, sondern auch zu mir und in meinem Kleiderschrank? Klingt im ersten Moment absurd, aber es gibt diese tollen Schnäppchen, die unweigerlich weitere Käufe nach sich ziehen. Mal fehlt die passende Tasche, dann müssen noch perfekten Schuhe oder umwerfende Accessoires her. Besser sind Teile, die zum Rest der Garderobe passen, als wären sie genau dafür gemacht. Aufschlussreich auch folgende Überlegungen: Wann und wozu kann ich das Teil tragen? Würde ich es sofort anziehen wollen? Peppt es eventuell bereits vorhandene Stücke auf? Ich verweise da mal auf die Sache mit meiner Clutch, von der ich mich jetzt doch trennen werde. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will, aber wir passen einfach nicht zueinander.
  • Was geht immer? Basics! Mit den zeitlosen Klassikern die auch in zwei Jahren noch tragbar sind, ohne dass sie sofort als „Schnee von gestern“ geoutet werden, macht frau nie etwas verkehrt. Damit die Basics zum Langzeit-Lieblingsteil werden, sind sie idealerweise in vernünftiger Qualität, was natürlich beim Material beginnt. Und es kann gar nicht oft genug gesagt werden, dass sich Naturmaterialien nicht nur angenehmer tragen als Acryl & Co, sie sehen auch besser aus und bleiben – bei richtiger Pflege – länger schön. Wobei ich eine Einschränkung machen muss, da sich wider besseren Wissens ein Stickkleid aus 95% Polyacryl und 5% Elasthan in meinem Schrank befindet. Es tut ein bisschen weh, diese Zusammensetzung aufzuschreiben und es kratzt schon beim Lesen, aber sollte hier jemals die Heizung ausfallen oder eine neue Eiszeit anrollen – mein Polyacrylteil hält mich zu 100% warm. Garantiert. Das habe ich am Wochenende während eines Winterspaziergangs getestet. Viel hätte nicht viel gefehlt und ich hätte bei Temperaturen um den Gefrierpunkt begonnen, eine altersschwache, kurz vor dem Kollaps stehende Dampflock zu imitieren…

Klingt ja alles schön und gut, aber muss Shopping wirklich so öde sein? Nein, muss es nicht. Sonst könnten wir das ja gleich lassen. Shopping ohne Spontankäufe – und mögen sie noch so idiotisch sein – finde ich ziemlich langweilig. Allerdings achte ich darauf, dass Spielereien oder ausgefallene Dinge, von denen ich nicht weiß, wie lange ich sie mag, nicht allzu teuer sind. Für Jeans, Schuhe, Taschen oder Mäntel gebe ich – meinen Möglichkeiten entsprechend – etwas mehr aus, für die knallbunt gemusterte Tunika á la „Hippie-Revival“ oder die „Könnte an einem Widder-Tag bei abnehmendem Mond vielleicht funktionieren“-Tasche nicht.

So viel von mir zum Thema: Beim Shoppen einen klaren Kopf behalten. Wie behaltet ihr beim Einkaufen alle sieben Sinne beieinander oder habt ihr damit überhaupt kein Problem, weil ihr grundsätzlich mit kühlem Kopf unterwegs seid?

Info & Leseklicks: 

[2]Wie uns die Industrie mit Gerüchen zum Kauf verführt

[Beitragsbild: erstellt mit Canva]

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