Kolumne|Dekorexia Nervosa

Es gibt absonderliche Verhaltensweisen, für die man einfach nichts kann und sobald man in ein kritisches Alter kommt, ist man ihnen hilflos ausgeliefert.Nehmen wir die Dekorexie*. Eine schwere Krankheit, von der fast ausschließlich Frauen befallen werden. Heilung nach derzeitigem Wissensstand ausgeschlossen. Die Dekorexie zeichnet sich dadurch aus, dass die Patientin einen dekolastigen Lifestyleblog nach dem nächsten abonniert und bei Pinterest Bildmaterial für die Einrichtung der Häuser zusammenstellt, die sie in den kommenden Leben mal bewohnen wird, weil sie mittlerweile viel zu viel Zeug angehäuft hat, um das in ein Haus zu stopfen. Bei Filmen gerät die Patientin kaum noch aufgrund der Darsteller ins verzückte Quietschen, sondern eher angesichts der fan-tas-tisch eingerichteten Häuser. Und plötzlich tun es auch nicht mehr die süßen Weihnachtswichtel aus irgendeinem Laden, nein, jetzt müssen es dänische Wichtel sein. Die schauen zwar relativ trübsinnig drein – wahrscheinlich, weil sie wissen, dass sie viel zu teuer sind – aber dafür sind sie eben… na ja… dänisches Design halt.

Tine K. war mir, obwohl ich schon an den ersten Anzeichen beginnender Dekorexie leide, vorher auch kein Begriff – aber so, wie ihre Duftkerzen in meinem derzeit liebsten Kramlädchen präsentiert wurden, war selbst mir klar, dass es sich dabei um etwas Besonderes handeln muss. Also schlug ich zu. Um mir mal was Gutes zu tun und mir eine besondere Kleinigkeit zu gönnen. Designerstücke machen allerdings noch viel mehr Spaß, wenn es ein Publikum gibt, das ebendiese Stücke bewundert. Dieses Publikum ist hier nicht vorhanden. Also muss die von der Kerze geflashte Frau – ich nämlich –  ihrenMitmenschen dezent auf die Sprünge helfen.

Etwa so: „Wie gefällt dir meine neue Duftkerze? Die ist von einer dänischen Designerin, die gerade schwer angesagt ist.“ Letzteres habe ich mir natürlich aus den Fingern gesogen, weil ich ja gar nicht weiß, ob die Designerin gerade schwer angesagt ist, ich vermute es einfach nur, weil ich in gefühlt jedem Shop, der Interieur anbietet, über ihre Sachen stolpere. Weil das Publikum hier aber offenbar noch nie was von der Kunst der geschickt platzierten Nettigkeitsflunkerei gehört hat, löst eine derartige Ansage nicht die erwarteten Begeisterungsstürme aus. Sondern eher so Reaktionen, als würde ich erwähnen, dass Eleanor Roosevelt in ihrem Tagebuch notiert hatte, dass eines Tages ein Dienstmädchen in ihr Zimmer stürmte, um Mitteilung darüber zu machen, dass sich im oberen Stockwerk gerade der Geist von Abraham Lincoln die Schuhe ausziehen würde.

 

Nun gut. So ist das wohl, wenn man Perlen vor die Säue wirft. Erfreue ich mich halt selbst an meiner Duftkerze, die – ich gebe es ungerne zu, aber so ist es leider – zwar gut riecht, aber halt auch nicht so viel besser als das duftende Pendant aus dem Supermarkt. Aber vielleicht muss ich meine verkorkste Nase auch erst ganz langsam an die guten Sachen gewöhnen. Was den Tee angeht, kämpfe ich gerade auch sehr mit mir, denn der ist eigentlich ein Geschenk. Aber die Dose würde sich ganz hervorragend in der Küche machen und dort vor allem auch von der dringend nötigen Renovierung ablenken. Bilde ich mir ein. Und zur Not wäre „Teetrinken und abwarten“ ja nicht die schlechteste Strategie und wenn der Teepott alle ist, sind die dänischen Wichtel möglicherweise schon so weit, dass sie auch Renovierungsarbeiten ausführen können und dann würde ich mir sogar ein paar von denen zulegen. 😉

[Beitragsbild: erstellt mit Canva]