Beauty | Traubenkernöl fürs Gesicht

Wenn man unzufrieden ist, geht man manchmal interessante Wege. Bei mir war es vor anderthalb Jahren ein Pflegenotstand im Gesicht, der mich massiv nervte. Wie konnte es sein, dass komplette Pflegeserien für Misch- und fettige Haut versagen und nichts von dem eintrat, was versprochen wurde? Die Haut war fahl, müde und verlieh mir ein absolut urlaubsreifes Aussehen. Die Poren waren so groß wie eh und je und hinsichtlich des Glanzfaktors in der T-Zone zückte ich nach zwei bis drei Stunden erstmals die Puderdose. Ungeschminkt aus dem Haus gehen? Nicht mit dem Teint. Kurz und gut:  Ich sah in den Spiegel und konnte mich selbst nicht mehr leiden. Also dachte ich nach und vergaß kurz darauf alles, was ich bisher über Gesichtspflege zu wissen glaubte. Und stampfte eine neue Theorie aus dem Boden.

Wenn ich fettige Gesichtshaut mit aller Macht entfette, revanchiert sie sich, indem sie nur noch mehr nachfettet. Und wenn ich die großporige Haut mit Silikon verstopfe, steckt das, was die Poren verstopft, vollends fest und macht sie nur noch größer. Also gehe ich mal einen ganz anderen Weg.

  1.  Ich lasse die Haut atmen.
  2. Wenn Dr. Bach in seiner Bachblütentherapie Gleiches mit Gleichem heilt, kann das doch bei der Haut nicht so verkehrt sein, also gebe ich  ihr Fett. In der Hoffnung, dass die hauteigene Fettproduktion ein bisschen runtergefahren wird, weil ja genug Fett vorhanden ist.

Bei meinem Fett-weg-Experiment setzte ich auf reines Traubenkernöl.

Mit gutem Grund. Traubenkernöl ist für alle Hauttypen geeignet – jedoch auch für Misch- und fettige Haut. Es wirkt nämlich adstringierend, sprich: es zieht die Poren zusammen. Zudem enthält das Öl Linolsäure, Polyphenole (Antioxidantien) und Vitamin E, womit es ein wunderbares Anti-Aging-Öl für die älter werdende Haut ist, die ich ja nun mal habe.  Bindegewebsstraffend wirkt es außerdem – wäre also sogar perfekt für den Ganzkörpereinsatz. Kurz und gut: Es ist das perfekte Multifunktionsöl. Eine Flasche für alles, Konservierungsstoffe, Emulgatoren und sonstige Zusatzstoffe – Fehlanzeige.

 

So weit die Theorie. In der Praxis hatte ich Angst vor meiner eigenen Courage, denn diese ganze Werbeüberflutung geht ja nicht spurlos an einem vorbei. Insgeheim habe ich befürchtet, nach 1-2 Traubenkernölanwendungen wie eine wandelnde, mit Pusteln und Pickeln übersäte Speckschwarte rumzulaufen. Aber egal. Wie sagte schon Einstein: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Tja, der Mann hat Recht.  

Und so wende ich das Traubenkernöl an:

Ich wende das Öl derzeit morgens und abends wie folgt an. Erst die Gesichtsreinigung [1.Sensitive Waschgel u. kalt abwaschen, hin und wieder ein Gesichtsbürstchen nehmen] und dann einfach eine winzige (!) Menge Öl aufs feuchte (!) Gesicht auftragen, sanft einmassieren, evtl. Restbestände abtupfen – fertig. Das war’s. Das Öl zieht wunderbar in die Haut ein und hinterlässt nicht den öligen Film, mit dem ich gerechnet hatte, sondern ein angenehm gepflegtes Hautgefühl. Aber wichtig: Nicht in die trockene Haut einmassieren, sondern in die feuchte oder nasse Haut – anderenfalls wird’s eben doch unangenehm ölig.

 Das Traubenkernöl hat mich absolut überzeugt.

 

Es wirkt besser als alle Pflegeserien, die ich in den letzten Jahren ausprobiert habe! Und das schockiert mich ein bisschen. Ich habe alle Drogeriemärkte leergekauft, Unsummen in „noch bessere“ oder „noch wirksamere“ Kosmetik gesteckt und nichts hat geholfen. Dann schmiere ich mir Speiseöl ins Gesicht und sehe aus, als käme ich direkt aus einem dreiwöchigen Wellnessurlaub – also meistens. Ich habe einiges erwartet, beispielsweise eine Woche, in der ich nicht aus dem Haus gehen kann, ohne mir eine Tüte über den Kopf zu ziehen, weil das Öl-Experiment meine Haut vollends aus dem Gleichgewicht gebracht hat.  Aber mit dieser Wirkung habe ich nicht gerechnet:

  • Die Haut fühlt sich angenehm zart und entspannt an und sieht wesentlich gesünder aus.
  • Der Teint wirkt ruhig, klar und gar nicht mehr so fahl. Die Haut sieht endlich wieder lebendig aus und wenn ich mich nicht gerade mit fiesen PMS-Auswüchsen rumschlage, hat sie sogar den Glow, den ich mir mit zig Cremes aufschmieren wollte.
  • Meine schlimmste Befürchtung hat sich nicht bewahrheitet, denn ich gleiche nicht der glänzenden Speckschwarte und es sind keine wie auch immer gearteten Hautunreinheiten dazugekommen.

Fazit: Das Öl überzeugt mich auf ganzer Linie. Und es taugt sogar als Make-up-Unterlage und  macht einen sehr guten Job. Das Make-up [bestehend aus Nude Magique BB-Creme, Puder, Kajal und Mascara] hält derzeit gute sechs Stunden anstandslos, ehe ich nachpudern muss. Das übrigens sogar im Sommer. Gewöhnungsbedürftig am Anfang war lediglich das Hautgefühl, denn das war so ganz anders als bei meinen bisherigen „Pflege“serien. Ich kannte bisher nur zwei Hautzustände: Direkt nach der Reinigung und dem Eincremen fühlt sich die Haut leicht gespannt und trocken an und innerhalb weniger Stunden wechselt das Hautgefühl ins Fettige – und so sah es dann auch aus. Sprich: Hat sich die Haut nicht trocken angefühlt, zeigten sich bereits die ersten unerwünschten Glanzspuren. Bei der mit Öl gepflegten Haut ist es komplett anders. Die Haut fühlte sich den ganzen Tag eher einen Tick zu fettig an, sah aber überhaupt nicht danach aus – nach einigen Wochen pendelte sich das aber auch ein und ich dachte überhaupt nicht mehr an das, was ich mir ins Gesicht geschmiert habe.

Und wer hat’s erfunden?

 

Ideengeber für dieses Experiment war Josephine Fairley. In ihrem Buch „Natürliche Schönheitspflege“ stellt sie ein Hautöl für fettige Haut vor, das unter anderem aus Traubenkernöl besteht. Und da ich mir nicht sicher war, ob ich überhaupt ein Öl auf der Haut vertrage, habe ich eben mal mit dem Traubenkernöl angefangen und nun bleibe ich dabei. Allen, die kosmetisch auch mal ein wenig querdenken wollen, lege ich das Buch „Alles klar mit Haut & Haar“ von Susanne Kehrbusch ans Herz. Ich weiß nicht mehr, wie ich auf dieses Buch gestoßen bin, aber es kam genau zur richtigen Zeit. Natürlich sind nicht alle Tipps im Buch umsetzbar und einiges klingt für mich als von Frauenzeitschriften verkorkste Durchschnittsleserin auch ein wenig arg radikal, aber die Lektüre öffnet Beautyjunkies wie mir die Augen und zeigt, dass weniger eben doch mehr sein kann – ob und wie man das hinterher umsetzt, bleibt jedem selbst überlassen.

P.S:Traubenkernöl gibt’s in jedem gut sortierten Supermarkt. Und das ist das Schätzchen, das die französische Kosmetik aus dem Bad gekegelt hat. Witzigerweise kommt es aus Großbritannien. Und, Asche über mein Haupt, es ist weder Bio noch kaltgepresst, aber ich liebe es trotzdem.  😉



 [Beitragsbild: erstellt mit Canva]